Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
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daß mein Frevel entdekt werden mußte, wenn ich nicht ſchnell mich ermannte. Mit Aufbietug aller Kräfte hob ich mein Opfer in die Höhe, faßte ihn unter dem Arm und ging mit ihm, oder ich ſchleppte ihn vielmehr einige Schritte weiter, indem ich dadurch die uns Begegnenden glauben machte, wir gehen ne⸗ ben einander her. Der Alte war noch nicht todt; während er ſich auf mich lehrte, kämpfte er den Todeskampf, und ſein gräßliches Stöhnen drang geradezu in mein Ohr. Ich weiß nicht, war es Traum meiner erſchütterten Einbildungs⸗ kraft, war es die Stimme des Sterbenden ſelbſt: aber ich hörte deutlich die Worte:Gut, gut! ſo wollen mir noch manchen Spazirgang in der Nacht ma chen! Als die Gefahr, entdekt zu werden, vorüber war, brachte ich die Leiche in's Schloß. Meine Tochter wurde Mitwiſſende, und unſern vereinten Beſtre⸗ bungen gelang es, den Tod einige Tage zu verheimlichen und ſpäter ihn unter glaubwürdigen Umſtänden bekannt werden zu laſſen. Der Alte war a poplek ti⸗ ſchen Zufällen ausgeſezt, und es konnte ſein plözliches Ende eben nicht auffal⸗ lend ſein.

Mein armes Kind überlebte die ſchwarze That nicht lange. Auf ihrer jun⸗ gen reinen Seele haftete zu ſchmerzlich ein folches Erinnern. Ich blieb ſtand haft; aber meine Strafe war mir zuget heilt. Nachts zur Zeit des Vollmonds treibt es mich immer mit unwiderſtehlicher Gewalt hinaus in jene einſame Ge gend, und da geſchieht mir, was ich nicht erklären kann und nicht deuten will: ich will es Krankheit nennen. Gibt es doch Fälle, wo eine zerrüttete Einbil dungskraft Aehnliches erfahren und ſehen läßt. Kann nicht die Geſtalt, die ich deutlich ſehe, die mit ihren Blutſpuren mich beſudelt, die ſich ſterbend auf mich lehnt und deren bekannte Züge mich Todes pein ausſtehen laſſen, kann das nicht Alles nur Bild und Traum ſein? Ja, es iſt nichts anderes es darf nichts anderes ſein! O ich bin unendlich elend!

Ich breche hier kurz ab und laſſe mich nicht auf die weitläufigen Unter⸗ ſuchungen und Zweifel ein, die wir gegen einander austauſchten, um die nächt liche Erſcheinung zu deuten. Sie ſei als düſteres Nachtbild dahingeſtellt. Es gibt für jedes Verbrechen eine ſtrafende Nemeſis; ob es ihr aber geſtattet iſt, ſolch ein gräßliches Gewand anzulegen, ob ſie nur, hinter Traum und Schat⸗ ten ſich verbergend, dieſe Geſtalten lügt, dieſes zu unterſcheiden, wird dem eifrig ſten Forſcher ewig unmöglich bleiben.

Nie werde ich aber jene Novembernacht, wo mir zum erſten Mal eine un⸗ heimliche Macht nahe trat, vergeſſen.

Eine Schuſterſtadt.

Das nordamerikaniſche Städtchen Lyon beſteht bhauptſächlich aus Schuh machern; man zählt deren 5000, welche im Jahre 1,200,000 Paar Schuhe für den Werth von einer Million Dollars verfertigen, die weit nach ſüdamerikani ſchen Staaten verkauft werden. Die Weiber, welche das Einfaſſen und Verzie ren der Schuhe beſorgen, ſollen allein an 60,000 Dollars damit verdienen.