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genfalls die Geſeze hätten ſprechen laſſen können; denn es hatten ſich unlängſt Papiere gefunden, die ein gewiſſes Erbtheil uns zuſprachen. Alles umſonſt. Was ich damals litt, iſt nicht zu beſchreiben.
Es war im Jahr 18— an einem düſtern Novembertag, als ſich das Un— glük meines Lebens zutrug. Laſſen Sie mich in der Beſchreibung deſſelben kurz ſein. Ich will keinen beſchönigenden Grund anführen, ich will keinen Umſtand verſchweigen; allein erlaſſen Sie mir die Schilderung meines Jammers. Es würde mich von Neuem auf's Krankenbett werfen.
Es waren einige Tage vorher heftige Auftritte zwiſchen mir und dem Al⸗ ten vorgefallen. Er war darauf beſtanden, daß ich reiſen ſollte, und ich hatte ihm erklärt, ich ſei nicht ſo weit gegangen, ich habe dieſe unerhörte Kränkun— gen nicht erlitten, um ohne Reſultat nach Hauſe zu kehren. Schon bei dieſen Erörterungen fühlte ich meine unglükliche Krankheit in mir ſich erzeugen und ſchnell wachſen. Ich zitterte, wenn ich mir die Folgen dachte, wenn die brutale Weiſe des Alten mich zum Aeußerſten triebe; deshalb ſchwankte ich, ob ich nicht dennoch lieber reiſen, als mich der Gefahr ausſezen ſolle. Mein ganzes Weſen war erſchüttert, ich faſtete ſeit mehreren Tagen, ich ſchlief nicht, mit einem Worte, ich war ernſtlich krank.
In der Nacht des 15. Novembers trieb es mich in's Freie. Ich ging dort unter den Weiden am Bache, wo ſie mich getroffen haben. Ich wollte allein ſein, nicht einmal meine Tochter mochte ich um mich leiden. Ich befand mich in einem Zuſtand, von dem Sie ſich keinen Begriff machen können. Ein Paar Schritte war ich auf und abgegangen, als ich eine Geſtalt auf mich zukommen ſah. Der Nebel hinderte mich, ſie zu erkennen; ich wollte ausweichen, aber der Unbekannte ſtand ſchon vor mir. Es war der Alte. Er mochte aus ähnlichen Gründen, wie ich, die Einſamkeit ſuchen; vielleicht trieb ihn auch ein ſeltſames Vorhaben in dieſe verlaſſene Gegend. Er hielt ein Käſtchen unter'm Arm, das er mir zur verbergen ſtrebte. Ich grüßte und fragte gleichgiltig, was er da habe. Er lachte in ſeiner höhnenden Weiſe und antwortete:„Dukaten.“ Wir wollten an einander vorbeigehen; in dem Augenblike ſtieß er mich unſanft und rief dabei:„Aus dem Wege!“ Ich blieb ſtehen, wollte etwas erwidern, that es aber nicht.„Nur weiter!“ rief er,„oder wollt Ihr etwa zuſehen, wo ich meinen Schaz begrabe, um ihn gleich hinter meinem Rüken wieder auszugra⸗ ben?“ Ich zitterte am ganzen Leibe, allein ich ſchwieg. Es war eine gottver⸗ laſſene Stunde. Eilige Flucht hätte mich allein noch vetten können; aber es war, als hielte mich der Boden mit eiſernen Klammern.„Nun!“ rief der Alte mit gräßlichem Hohn,„nun! fort, ſag ich— Bettler!“
Kaum waren dieſe Worte üher ſeine Lippen, als er auch, von meiner Fauſt getroffen, am Boden lag. Im nächſten Moment hatte ich den Kaſten er⸗ griffen und ſchmetterte ihn auf das Haupt des Liegenden. Er ſtieß einen krei— ſchenden Laut aus. Die ſcharfe, eiſenbeſchlagene Eke des Kaſtens hatte ſeine Schläfe getroffen, Blut beflekte ſein Kleid.— ich hatte einen Mord begangen. Dieſes wurde ich inne, als ich das Blut ſah. Mein fürchterlicher Schauder, den ich von Kindheit an beim Anblik von Blut empfand, kam über mich, und ein Entſezen, ein Todtesſchrek lähmte meine Glieder. Ich lehnte mich an den näch— ſten Baum und kämpfte mit Beſinnungsloſigkeit; da ſchrekten mich plözliche Schritte auf, die in der Entfernung ertönten. Sie kamen näher. Ich begriff,


