Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
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folgen konnte, ſchleppte ſich jezt langſam hin, und ich mußte öfters ſtille ſtehen, um ihn nur vorwärts gelangen zu laſſen. Während dieſer Pauſen hörte ich ihn Klagelaute ausſtoßen, die mich bis in's Innerſte erſchütterten. Er murmelte leiſe Worte, die, troz der Stille, die um uns herrſchte, mir nur halb ver- ſtändlich waren. So viel vernahm ich deutlich, daß er ein Gebet vor ſich hin ſprach und öfters dabei ausrief:Wie ſchwer biſt du heute! Erbrüke mich! ende meine Qual! Laß dieſes das lezte Mal ſein, daß ich dich trage! Alles büßt ſich auf Erden, warum nicht auch meine Schuld?

Dieſe geheimnißvollen Worte, mit keuchender Bruſt ausgeſtoßen, machten in der Einſamkeit der Nacht, in der todten Einöde der winterlichen Landſchaft einen Eindruk auf mich, den ich nicht beſchreiben kann. Es war als ſtieße ſie die Verzweiflung des gemarterten Gewiſſens aus, als ſeien es Bekenntniſſe, die keines Menſchen Ohr vernehmen dürfe. Ich machte mir jezt die lebhafteſten Vor würfe, daß ich meine Gegenwart dem Unglüklichen nicht bemerkbar gemacht. Jezt konnte es den Anſchein haben, als hätte ich ihn belauſchen wollen: ein Gedanke, der mir, je länger ich ihm nachhing, deſto unerträglicher wurde. Mein Entſchluß war daher, ſchnell hervorzutreten, eilig an ihm vorüberzugehen und die Miene anzunehmen, als hätte ich nichts gehört und geſehen. Meine Aufregung verhin derte die Ausführung dieſes Plans, ich zögerte noch, als mein Vormann ſich plözlich umwandte und die Hand krampfhaft über meinem Haupte ballen, war das Werk eines Augenbliks. Ich ſah das verzerrte, leichenblaſſe Geſicht dicht an dem meinigen, und die leiſen, mit wankender Stimme hingehauchten Worte: Behorcht? Angegeben? erreichten mein Ohr. Kaum hatte der Arme dieſe für mich ſo erniedrigende Befürchtung ausgeſprochen, ſo ſank er wie todt nieder und ſein Kopf fiel tief in den Schnee hinein.

Das erſte Gefühl, das ſich mir hier lebhaft aufdrängte, war, den Be wußtloſen liegen zu laſſen und raſch dieſem unheimlichen Orte zu entfliehen; allein ein beſſerer Entſchluß folgte der ſchnellen Ueberlegung. Was wäre das Schikſal des Unglüklichen geweſen, beſinnungslos, in der Winternacht, von aller Hilfe entfernt, in dieſer jammervollen Lage? Ich blieb daher und verſuchte mit Anſtrengung aller meiner Kräfte den ſchweren Mann vom Boden aufzuheben. Es gelang mir und ich lehnte ihn an den nächſten Weidenſtamm. Er hielt die Augen geſchloſſen, den Mund geöffnet, die Lippen zitterten und die Zähne ſchlu gen aneinander. Ich klopfte den Schnee aus ſeinem Haar, knüpfte mein Halstuch ab und band es um ſeine Stirn, die mir verwundet ſchien. Es war jedoch nicht rathſam, in dem kalten Winde, der jezt über die Fläche zu wehen begann, lange zu verweilen; ich mußte meinen Kranken in's Haus ſchaffen. Dieſes zu bewerk ſtelligen, war nicht leicht. Die ſchwere Geſtalt zu unterſtüzen und faſt zu tra⸗ gen, fiel meinen Kräften ſchwer; dennoch verſuchte ich es; kaum hatte ich jedoch den Arm unter den ſeinigen gebracht, als er aus der Ohnmacht erwachte, einen ſchreklichen Schrei ausſtieß und mit aller Gewalt ſich von mir zu befreien trach- tete. Aus ſeinen Mienen wie aus ſeinen abgebrochenen Worten merkte ich mit Schaudern, daß er mich für ſeinen unſichtbaren Begleiter hielt, mit dem er noch vor wenigen Sekunden gerungen.Schon wieder da? rief er.Wirſt du mich denn heute nicht verlaſſen? Deine Zeit iſt um! Weiche von mir! fort, ſag ich weiche von mir! Ich gehe hin, ich gehe, mich ſelbſt anzuklagen; Nur fort! nur fort! Bei den lezten Worten, die mit einer das Herz zerreißenden