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Anſichten. Urtheile. Vegebniſſe.
Literatur.
Literariſches Portefeuille. Die Nicolai'ſche Buchhandlung in Ber— lin eifert gegen einen von der Scheible— ſchen Buchhandlung in Stuttgart ver— anſtalteten Nachdruk der Calderon'ſchen Dramen. In einer neueren Erklärung über dieſen Gegenſtand(„Leipziger All— gemeine Zeitung für Buchhandel und Bücherkunde.“ 1839, Nr. 139) iſt die Nicolai'ſche Buchhandlung auch poetiſch polemiſch geworden, indem ſie ihre Zurecht— weiſung mit folgenden Verſen beginnt:
„O wakres Land der Schwaben,
Wie iſt dein Ruhm begraben,
Der ſonſt ſo kräftig ſtand;
Jezt ſchau'n aus jedem Fenſter
Nachdruker und Geſpenſter,
Die kein Geſez mehr bannt.
Geſpenſter mag'ſt du haben, Wenn du für deine Schwaben Sie unentbehrlich nenn'ſt; Doch, Diebsvolk zu befehden, Steh' auf und mache jeden Nachdruker zum Geſpenſt!““
Vielleicht beſorgt irgend ein wakerer ſchwäbiſcher Komponiſt, der den Nach— druk mit der Ehrlichkeit nicht in Har— monie findet, und keine Furcht hat vor Geſpenſtern, eine Melodie zu jenen Ver—⸗ ſen, damit man ſie den Nachdrukern des Calderon und allen Verehrern der „Seherin von Prevorſt“ gelegentlich vorſingen könne.— Guſtav Schwab theilt in den Heidelberger Jahrbüchern leſenswerthe Notizen über F. Freilig— rath's Bildungsgang mit. Von Jugend auf war er zum Handelsſtande beſtimmt, ein reicher Oheim in England war die glänzendſte Perſpektive für den Knaben. Seine ganze Bildung wandte ſich dem Kaufmänniſchen in höchſter Bedeutung zu, und darin beſonders der Geogra— graphie. Der klaſſiſchen Gelehrſamkeit abhold, für den Seehandel gebildet, ſtand der Jüngling da, als der Oheim
ſtarb, unerwartet und in unerwarteten Umſtänden. Jezt mußte Freiligrath ler— nen, auf eigenen Füßen zu ſtehen; ſein langſamer, dornenvoller Pfad durch die heimiſchen Komptoirs begann, aber auch ſeine poetiſche Richtung. Die Schäze, welche die Wirklichkeit ihm verſagt, die Pläne für die Zukunft, welche zertrüm— mert worden, wurden ihm durch die Poe— ſie reichlich erſezt. Vielleich bürgerlich glüklicher, ſchwerlich aber ſo geiſtig reich würde Freiligrath geworden ſein, wenn ſein Oheim leben geblieben u. ihn früh nach England hinübergezogen hätte.— F. Freiligrath wurde am 17. Juni 1810 in Detmold geboren.— Gutzkow hat ein neues Drama vollendet:„Werner, Schauſpiel in 5 Akten.“ Es iſt ein See- lengemälde in Rahmen unſerer Zeit; der Verfaſſer will es vorläufig nur an diejenigen Bühnen verſenden, welche „Richard Savage“ bereits aufgeführt haben.
MignonZeitung.
Kleve. Schon wieder ein Kaſpar Hauſer und zwar in unſerer Nähe, un— ter dem Namen Franz van der Heyden. Seit ſeinem vierten Jahre, erzählt er, wurde er mitten in einem Walde, der etwa zehn Stunden nordweſtlich von Straßburg liegt, in einer einſamen Wohnung erzogen. Außer ihm lebte dort Niemand als ſein Lehrer und eine ſchon bejahrte Haushälterin. Von je— nem erhielt er Unterricht in der katho— liſchen Religion, in Muſik, deutſcher Sprache u. ſ. w. und erfuhr von ihm ſeinen Namen u. daß er 1820 zu Straß⸗ burg geboren ſeine Eltern ſpäter ken⸗ nen lernen werde. Die beiden genann⸗ ten Perſonen und ein Fremder, der ſie zuweilen beſuchte, waren die einzigen Menſchen, die er in ſeinem Aufenthalt


