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hätte halten müſſen. Im Befremden darüber, wie ich den wohlbekannten Pfad hatte verfehlen können, betrachtete ich näher die öſtlichen Ställe und das Stük der Hofmauer, der ich mich gerade gegenüber befand. Ich weiß nicht, wie gerade jezt dieſe Gebäude den Eindruk von etwas Beſonderem auf mich machten, da ich doch ſonſt am Tage hundertmal an ihnen vorbeigegangen war, ohne auch nur den Blik darauf zu richten. Jezt erſchienen mir die Mauern höher, und die Gi— bel und Thürmchen wuchſen ſichtlich, je mehr ich mich anſtrengte, ihre Spizen im Nebel herauszufinden. Es fiel mir ein, gehört zu haben, daß der Schwe— denhof früher eine Abtei geweſen, und die einſamen Gebäude nahmen jezt vor dem Auge der Phantaſie ihren urſprünglichen Charakter wieder an! Dieſe Träu⸗ merei war mir ganz lieb, denn ſie miſchte ein heiteres Element in die Gefühle meiner ängſtlichen Trauer um verlorene Freunde und Jugend. Jezt ſtand ich vor einem Hauſe, das auch einſt Tage des Glanzes geſchaut, in deſſen Mauern auch noch Erinnerungen lebten an längſt Vergangenes. Meine perſönlichen Schmer— zen vermiſchten ſich mit denen einer ganzen Zeit. Ich hörte die Gloke der Ab⸗ tei, ich vernahm den melodiſchen Geſang der Mönche, der in immer wiederkeh⸗ rendem Refrain das Hinſcheiden aller irdiſchen Freuden betrauerte und dafür den Blik zum Himmel lenkte.
In dieſe Melodien, die meinem geiſtigen Ohre tönten, miſchte ſich plöz⸗ lich ein Laut, der wie aus einer menſchlichen Bruſt kam. Es war ein ächzender Ton, der dicht in meiner Nähe erſcholl. Ich weiß mich nicht zu beſinnen, daß irgend etwas in meinem Leben mich für den Moment ſo erſchrekt hätte, als die⸗ ſer Ton; aber ich ſchalt mich ſelbſt, als ich die Urſache bemerkte, die keine an⸗ dere war, als daß ein Mann, der aus einem Pförtchen in der Hofmauer her—⸗ austrat, die Thüre mit einiger Anſtrengung wieder hinter ſich zu verſchließen verſuchte. Seine Hände mochten erſtarrt ſein und das ungefüge alte Schloß ihm nicht gehorchen wollen.
Der Heraustretende bemerkte mich nicht; er war in einen grauen Mantel gehüllt, in deſſen Falten der Schnee ſich häufte. Sein Geſicht bedekte eine tief hereinfallende Kappe. Er ſchlug den Weg nach ben Weiden ein, nachden es ihm gelungen war, das Pförtchen wieder zu ſchließen. Nach einigen Schritten blieb er ſtehen und ſchien umkehren zu wollen; dann trieb es ihn weiter vorwärts gegen den Bach zu, und wiederum blieb er ſtehen. Meine Aufmerkſamkeit wurde durch dieſes Betragen auf ihn gelenkt, um ſo mehr, da ich ihn zu erkennen glaubte. Es war der jezige Beſizer des Schwedenhoſe, ein rüſtiger Mann von vierzig Jahren, als der reichſte Eigenthümer in der Umgegend bekannt. Seine frühern Schikſale wußte Niemand, es gingen darüber dunkle Gerüchte um; der Mann ſelbſt hatte etwas Düſteres, Zurükſtoßendes in ſeinem Weſen, und des halb befand er ſich ohne Genoſſen, bei den Honoratioren des kleinen Orts wegen ſei⸗ nes Reicht hums angeſehen und ſelbſt gefürchtet, allein nicht zum Theilnehmer ihrer geſelligen Zuſammenkünfte erwählt. Sie nannten ihn den ſchwediſchen Hauptmann, ohne gerade Kenntniß von einem früheren Dienſtverhältniß dec Mannes zu haben. Er ſchien jedoch allerdings aus jenem Lande zu ſtammen; dafür zeugte die breite, ſtattliche Figur des Fremden, ſein hochblondes Haar und ſeine Sprache. f
In den erſten Jahren ſeines hieſigen Aufenthalts lebte eine junge Dame bei ihm, die von Einigen für ſeine Tochter, von Andern für ſeine heimlich an⸗


