34
die ich gedankenlos hingelebt, Buße thun ſoll. Nirgends aber iſt es einſamer, als in freier Natur. Eine Stube, ſei ſie auch noch ſo groß, ſei es ſelbſt eine ſtille, große, hochgewölbte Kirche, erregt nicht das Gefühl einer ſo auf der Seele laſtenden Einſamkeit, als ein freies Feld in ſtiller Nacht, von Schnee bedekt und vom Mond trüb erhellt. Das Auge blikt in die Nebel der Ferne und ihre geheimnißvollen Schatten rüken immer dichter und näher an uns heran. Wir ſehen vor uns die Pfade und Pläze, die der menſchliche Fuß am Tag be⸗ tritt, und auf denen jezt Niemand wandelt. Immer glauben wir, es werde hinter dem Stamm der Weiden am Bache Jemand hervortreten und uns grü⸗ ßen; aber es bleibt ſtill und das Mondlicht glimmt und flimmert auf den ſchwar— zen Wellen des Waſſers. Wir ſtehen ſtill und lauſchen, aber im weiten Umkreis der Schöpfung rührt ſich kein Laut; geräuſchlos fallen die Floken vom Himmel und ebenſo geräuſchlos ſezen ſie ſich an die nakten Zweige der Bäume oder ver— dichten die weiße Deke zu unſern Füßen. Es zieht kein Lüftchen daher, kein Vo— gel kreiſcht, kein Hund bellt.
Ich ſtand eine Weile ſtill und blikte, unbekümmert um die weichen Floken, die ſich mir an Haar und Wimpern ſezten, hinaus ins Weite. Wie geſagt, Trauer beſchlich meine Seele. Ich dachte der Tage meiner Jugend, ich dachte der frohen Geſellen, die mich einſt umgeben hatten, und die jezt nicht mehr meinen Schritten folgten. Ich hatte nicht immer in dieſem verlaſſenen Win— kel der Erde gelebt, ich hatte große Städte geſehen, in manigfaltigem Ver— kehr mit umgetrieben, prachtvolle Feſte geſchaut und heitere, ausgelaſſene Ge— lage mitgemacht— Alles das war jezt dahin. Mein Wirkungskreis war, ob— gleich ehrenvoll, dennoch enge und beſchränkt. Das Glük hatte meinem Ehrgeiz geſchmeichelt und mein Herz war zu großen Hoffnungen, zu glüklichen Ausſich⸗ ten geſchwellt; ich war geliebt, geſucht, mit Auszeichnung überhäuft— Alles das war nicht mehr. Ich war nicht mehr jung, ich war nicht mehr reich; die Menſchen fanden es nicht mehr der Mühe werth mir zu ſchmeicheln, und Viele, die ſich meine Freunde nannten, gingen von mir, ohne mir Lebewohl zu ſagen. Dennoch blieb ich heiter. Mein Gewiſſen war nicht belaſtet, kein Unrecht drücte meine Seele, ich konnte an die Tage des Glanzes und meiner Jugend ohne Vorwurf zurük denken. Dieſes erhielt mir die innere Fröhlichkeit, die man nicht wie die äußere erheucheln kann, und die die Welt nicht ſchäzt, weil ſie ſie nicht erkennt.
So konnte ich denn auch in einer ſo ſtillen, traurigen Nacht innerlich hei— ter ſein, obgleich mein Auge ſich mit Thränen füllte und meine Rechte, die ſich auf den Stab ſtüzte, zitterte.„Immerhin!“ rief ich bei mir ſelbſt;„magſt du auch jezt allein ſtehen, mag die Erde um dich wie ein weites Grab ausſe⸗ hen: einmal muß ſie doch wieder blühen, einmal werden ſie doch erkennen, daß du zu lieben verſtandſt.“ Ich mochte dieſe Worte unwillkürlich laut aus geſpro⸗ chen haben, denn ich ſah mich um, in der Meinung, eine Stimme neben mir zu hören; allein es blieb todtenſtille, wie zuvor. Die Floken fielen reichlicher herab und der Mond blikte trübe durch den Nebel. Ich ging weiter, indem ich mit dem Stabe den Schnee, der ſich an die Füße angeſezt, abklopfte. Als ich den Blik erhob, den ich rüſtig fortſchreitend zu Boden geſenkt, merkte ich, daß ich vom Wege abgekommen war und mich zu nahe den herrſchaftlichen Gebäuden des„Schwedenhofes“ befand, anſtatt daß ich an den Weiden des Fluſſes mich


