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Anzug noch zu vervollſtängen. Seine Kleidungsſtüke müſſen aber zerriſſen ſein, ſo will er es; oder es ſind wenigſtens unpaſſende Fleke aufgeflikt.— Wie ſoll ſich nicht unſer Gamin im Beſiz einer ſolchen Ungebundenheit ergözen? Er ſpielt ohne Aufhören, das Leben bis zum fünfzehnten Jahr iſt ihm über haupt nur eine Spielpartie.—
Welcher Unterſchied alſo zwiſchen einer ſo reich bewegten, ſo manigfache Abwechslungen gewährenden Kindheit unſeres Gamins und der Kinder aus ſogenanntem gutem Hauſe. Jener iſt freier Herr ſeiner Handlungen, dieſe wer— den von frühem Morgen wie Puzdoken gehalten, ſtets von einem gallonirten Bedienten begleitet, der bei jedem ihrer Schritte ſpricht: Monſieur wird ſich beſchmuzen! Monſieur wird ſich die Hoſen zerreißen! Monſieur ſpielt im Sand! — und Monſieur wollte auf eine Vank ſteigen, wovon ſie ſich wieder weinend entfernen—.„Ach! das häßliche Kind!“ ſchreit die Bonne, wenn ſie in ihren geheimen Zuſammenkünften geſtört wird,„es will beſchmuzt hinein kommen das Kind! pfui, häßliches Kind!“ und das Kind weint von Neuem.
Wir fehlen darin, daß wir ein ſo junges Leben einſperren, das nur frei zu athmen verlangt. Sagen wir nun zu unſerem Kinde, daß es zerriſſen gehen ſoll, tauſend gegen Eins gewettet, es wird ſich, iſt's nur fünf Jahr alt, grämen.— Unſer zweiter Fehler iſt der, daß ſchon unſer Geiz dem Kinde Stolz eingeflößt hat. Zerreißt es einmal, wenn es Soldaten ſpielt, ſeinen neuen Anzug, ſo ſchelten wir das Kind ſo aus, wie einer kann. Und aus Ur⸗ ſache! Das Kind kennt freilich nicht die Urſache eines ſo großen Zorns, wohl aber ich kenne ſie, wie auch noch viele Andere: wir werden ihm nämlich an⸗ dere Kleider kaufen müſſen und unſere Eigenliebe ſtreitet gegen die Börſe.— Hat hingegen unſer Gamin vielleicht einmal, ein einziges Mal in ſeinem Ga— min⸗Leben, einen neuen Anzug bekommen, der ihm, wunderbar genug, aus dem Blatte eines alten Roks ſeines Vaters erwachſen iſt, und denſelben zer— riſſen, ſo ſagt man zu ihm:„Du wirſt zerriſſen gehen.“ Ei nun, ihm iſt's ganz gleich, er wird zerriſſen gehen, er iſt ja ſtets gewöhnt, in Lumpen zu gehen. Das iſt ſein gewöhnlicher Zuſtand und ſeine Zukunft für den nächſten Monat. Wird er ſich alſo ein Vergnügen entziehn, um ſein Mißgeſchik auf eine ſo kurze Friſt hinauszuſchieben, oder wird er ſich, wegen einer Sache von ſo geringem Belang, enthalten, einen Baum auf dem Boulevard zu er⸗ klettern, wenn es ihm etwas einbrächte? Ganz gewiß nicht!] er klettert hin— auf. Was würde ihm das einbringen? Ei nun, er würde ſich in den Spie- gelfenſtern der Kaffe häuſer ſpiegeln können, in die er nicht eintreten darf. In der That, dieſer Genuß iſt ſchon der Marter des Kletterns werth! Der Gamin iſt viel zu ſehr Philoſoph, als daß er das Glük eines Augenbliks ei⸗ nem gleich kurzen und eitlen Genuß opfern ſollte. Er ſpielt auf den Straßen. Seine Toilette erlaubt ihm nicht den Zutritt auf der Prome⸗ nade: was wird er thun: Nichts! Ihm ſind ſeines Gleichen nöthig, in ihrer Mitte athmet er nur, und gehört ſich an. Doch haben ihn unſere Gärten bis— weilen geſehen, zu mehreren Zeiten hat er dort geherrſcht: als das Volk ſou— verain war, genoß der Gamin die Vorrechte eines Sohnes von Frankreich.—


