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Höfling, ernſthaft; und dann iſt er wieder ein Spötter, lacht wie ein Toller, oder wie ein glükliches Kind, treibt Poſſen wie ein Hanswurſt auf dem Jahr⸗ markt, iſt ſinnreich wie ein Pariſer Kind, oder dumm, aber von der Art, wie ein Vauer aus dem Pariſer Weichbilde.
Der Gamin iſt mitteidig, leiſtet gern Gefälligkeiten, wenn er gerade dazu gelaunt iſt, und nichts Beſſeres zu thun hat; oder er iſt grauſam, wenn es ihm eben Vergnügen macht, grauſam zu ſein. Er bedauert innig einen armen Teufel, der ſich auf der Straße eine Verlezung zugezogen hat; einen Augenblik nachher zieht er mit einem langen Strik an einer Leiter, deren Umſturz dem darauf ſtehenden Arbeiter das Leben koſten kann. Iſt ihm ein
Unglük paſſirt, ſo rettet er ſich, denn er iſt ſeiner Schwäche ſich bewußt und er fürchtet vor allem Beſtrafung.
Sorglos endlich, wie Diogenes, ſpielte er auf der Straße. Iſt's ſchon ſpät geworden, und fürchtet er ſich, des wegen zu Hauſe Prügel zu bekommen, dann hat er gleich ein Mittel in der Hand, der Züchtigung zu entgehen: er kommt gar nicht zu Hauſe.— Was ſchadet ihm Wind und Regen? Er darf nicht fürchten, daß er ſeine Kleider verderben werde. Dann iſt er aber ja auch eigentlich nur zu Hauſe, wenn er auf der Straße iſt: die Straße gehört ja ihm. Du biſt vielleicht ein Hausbeſizer? Gut! Aber die Grenzſteine, die dein Haus beſchüzen, gehören mehr ihm als dir. Hier ſchlägt er ſeine Woh⸗ nung auf, hier ſpielt er. Willſt du ihm wegjagen, ſo macht er ſich über deine Wählbarkeit luſtig. Wenn du Gewalt anwendeſt, ſo wird er vielleicht wegge— hen. Aber was thun ihm einige Schläge? Er wird ſich retten, um wieder zu kommen und ſich wieder zu retten.
Bevor wir weiter gehen, dürfte es, wie ich glaube, wohl angemeſſen ſeln, mit leichten Umriſſen ein Portrait unſeres Helden zu zeichnen.
Der Gamin iſt zehn bis fünfzehn Jahre alt, Sohn eines Handwerkers und Lehrling. So oft du ihm begegneſt, geht er wahrſcheinlich einen Gang für ſeinen Melſter oder für Jemand anders. In der Schule hat er Poſſen treiben geſehen. Er kann vielleicht Fähigkeiten beſizen, aber er, der kein trokenes Brod fürchtet, ſelbſt nur ſolches ißt, kennt keine Strafe. Das Fortlaufen kann man ihm nicht wehren. Strafarbeiten kann man ihm nicht zutheilen: er kann nicht ſchreiben. Es blieben daher nur die Eſelsohren und das Anhän⸗ gen von Schandtafeln für ihn übrig, alſo alle Strafen der Eigenliebe. Dann ſtrekt er noch die Zunge heraus und ſpricht:„ich ſterbe nicht davon.“ Will man ihn ſchlagen, ſo wehrt er ſich. Nun entſcheide noch Jemand! Der Gamin verbrütet ſeine Kindheit alſo nicht leicht im Staube der Schulzimmer, aber er thut etwas weit Beſſeres: er lebt. Mit höchſtens einer Stunde des Tages wird er kein Schulfuchs, aber er weiß genug, um die unbilligen Geſeze zu leſen und ſie zu erfahren, wenn ſie ihn, einholen. Was bedarf er mehr? Er wird gewiß einſt nicht das Signal vergeſſen, auf das er ſeines Vaters Kara⸗ biner vom Roſte befreien ſoll.
Der Gamin arbeitet bei einem Schuſter, Schneider, Tiſchler u. ſ. w. Er trägt kein beſtimmtes Koſtüm, ſondern bald einen grünen Schurz oder eine ſchwärzliche Blouſe, bald eine Müze von Papier, ein Käppchen oder eine Art Helm. Strümpfe ſind für ihn Lupus. Ebenſo braucht er kein Taſchentuch. Ei⸗ nige Fezen von Hemd bliken durch ſeine zerriſſenen Hoſen durch, um ſeinen


