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ſeinen Begriffen eine zarte und dauernde Leidenſchaft. Von etwas ſchwachem und lenk ſamem Charakter, geneigt, die Meinung Anderer anzunehmen, be⸗ reitwillig zu gehorchen, und willig ſich leiten zu laſſen, fühlte er ſich für die Ehe geſchaffen; und dennoch hatte Niemand bis jezt die Elgenſchaften bemerkt, die ihn zu einem guten Ehemanne ſtembpelten und die für eine glükliche Ehe Gewähr leiſten konnten; und ſo war Leo, ungeachtet ſeiner Einkünfte von lährlichen ſechstauſend Franken und ſeiner großen Luſt, ſich zu verheirathen, in ſeinem achtundzwanzigſten. Jahre immer noch unverheirathet.
Leo wandte ſich eben ſo unbeſonnen als ungeduldig zuerſt an eine junge Wittwe, die ihn durch ihre Koketterie gefeſſelt hatte, und machte ihr einen förm⸗ lichen Heirathsantrag. Die Wittwe, die ſich das nicht erwartet hatte, war ſehr überraſcht, als ſie ſah, daß die Sache eine ernſte Wendung nahm, aber ſie ſchlug die Annehmlichkeiten des Wittwenſtandes viel zu hoch an, als daß ſſee ſich hätte entſchließen können, Verzicht darauf zu leiſten. Sie dankte daher ihrem ehrfurchtsvollen Anbeter und gab ihm einen Korb. Dies brachte Leo aus der Faſſung, und er ward bei ferneren Schritten linkiſch und mißtrauiſch. Als er dreimal geſcheitert war, ſprach man von ſeinen Niederlagen, und die Fa⸗ milien, mit denen er eine Verbindung ſuchte, erſchraken hierüber.„Er wurde von Fräulein M,„ N. und D abgewieſen; es muß wohl,“ flüſterte man ſich zu, estroz dem äußern Scheine, irgend eine verborgene Ur ſache zu Grunde liegen.“
Natürlich hatte man ein weites Feld zu allen möglichen Vermut hungen, zu den abgeſchmakteſten Auslegungen, und e es zu gehen pflegt, man raunte ſich dies und jenes ins Ohr, ſo grundlos es auch war. So verfloſſen mehrere Jahre, und Leo, niedergedrükt von dem Gewichte ſeines Mißgeſchiks und ent— muthigt von ſeinen Niederlagen, verlor am Ende vollends den Muth zu jedem weitern Schritte.
Glüklicher Weiſe kam ihm Onkel Lombard zu Hilfe, der als ehemaliger Handlungsreiſender ſeinen alten theuern Gewohnheiten ſo wenig entſagen mochte, daß er, obgleich reich geworden und in einem bedeutenden Geſchäfte betheiligt, ſelbſt als Chef des Hauſes ſich die Reiſen vorbehielt. Seit dreißig Jahren ſchon durchreiſte Lombard Frankreich, und behauptete, in allen De— partements Liebesverbindungen zu haben. Uebrigens war er hübſch genug, um dieſen galanten Kosmopolitismus zu rechtfertigen. Obſchon großer Anhänger des Cölibats, hatte er nie Leo's Neigung zu bekämpfen geſucht. Liberal im wahren Sinn, hatte er den Grundſaz, Jeden nach ſeinem Geſchmake leben zu laſſen. Im Begriff, eine größere Tour zu machen, ſagte er ſeinem Neffen:
„Sei du ganz ruhig, mein Junge, ich nehme es auf mich, dir in der Provinz eine vollkommen gute Partie auszufinden; ich werde die Sache abma⸗ chen, und du brauchſt nichts zu thun, als zu kommen und die Heirath zu vollziehen. Du kannſt dich in dieſer Beziehung auf mich verlaſſen, ich habe eine glükliche Hand. In einem Monate ſollſt du von mir hören.“
Onkel Lombard hatte Wort gehalten; drei Wochen nach ſeiner Abreiſe ſchrieb er an ſeinen Neffen: f
„Mein lieber Freund! ich habe das Vergnügen, dich zu benachrichtigen, daß ich, unſerer Verabredung zu Folge, eine prächtige Partie für dich ausge⸗ ſucht habe; ein junges Mädchen, ſchön wie ein Engel, blaue herrliche Augen,


