Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
731
 
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Die Frau von Maintenon ſagte ihm, daß ſie das Madchen unter ihren beſondern Schuz genommen und als Ehrendame in das Haus der Herzogin von Maine gebracht. Sie habe um eine Gnade zu bitten und ſie(die Marquiſin) erſuche den König, dieſelbe zu gewähren, da ſie das Mädchen ſehr liebe.

Sire, wo iſt Chemerault? fragte Louiſe den König betrübt.

Mein Kind, ich könnte dir ſelbſt dieſe Frage vorlegen, denn ich habe ihn nicht geſehen und ich bin böſe auf ihn, daß er nicht ſogleich zu mir ge⸗ 449955

Aber Sire, fuhr Louiſe fort,ich bitte um die Belohnung, welche Sie dem verſprochen haben, welcher die Nachricht von der Einnahme Varcelo⸗ nas überbringt; ernennen Sie nun Chemerault zum Oberſten, damit ich ihn als ſolchen begrüßen kann. 5

Der König hält ſtets ſein Verſprechen, mein Kind, aber ich habe die Nachricht von meinem Leibarzt Fagon, der ſie mir heute früh überbrachte.

Das ſind Ausflüchte, Sire; Chemerault iſt doch aus Spanien ange kommen und Sie werden nicht... f

Die Frau von Maintenon ſprach heimlich mit dem Könige, der darauf fortfuhr: f Es ſei; aber iſt denn der Chemerault ihr Bruder oder Vetter, daß ſie ihn ſo ſehr liebt?

Er iſt ihr Geliebter, ſie ſollen einander heirathen und ich habe mir vorgenommen, die Hochzeit auszurichten, wenn Sie es erlauben, Sire.

Ich erlaube Alles, was Ihnen gefällt, antwortete der König galant. Mademoiſelle von Vaucelay, Sie ſind ſo ſchön, daß es grauſam wäre, Ihnen irgend etwas zu verweigern. Der Herr von Chemerault ſoll deshalb Oberſter ſein und wir wollen Sie mit ihm verheirsthen, da die Frau Marquiſin ein beſonderes Intereſſe an Ihnen nimmt. Ich gebe 40,000 Lioces zu dieſer Ver⸗ bindung. 5

Louiſe dankte dem Könige und der Flau von Maintenon, indem ſie der lezteren um den Hals fiel und dem erſteren die Hand küßte. Dann ent⸗ fernte ſie ſich, um weiter nach Chemerault zu ſuchen, den noch Niemand geſe⸗ hen hatte, obgleich Niemand ſeine Ankunft bezweifelte. Sie kehrte in das Hotel des Kriegsminiſters zurük und durchſuchte das Schloß von Verſailles, ohne auch nur eine Spur von dem Geliebten zu finden.

Gegen fünf Uhr fuhr ein Poſtwagen lärmend durch Verſailles und hielt in dem Hoſe des Schloſſes. Schnell und freudig ſtieg ein Mann aus, aber es war nicht Chemerault, ſondern Lapparat, der Ingenieur, der die Velagerungs⸗ arbeiten geleitet hatte und dabei verwundet worden war.

Wo iſt Chemerault% fragte ihn Louiſe augenbliklich.

Lapparat antwortete nicht, ſondern ließ ſich zu dem Könige führen, dem er meldete, daß Barcelona kapitulirt habe; aber ſehr wunderte er ſich, daß man dies bereits ſeit dem Morgen wußte, und noch mehr, daß man ihm ſagte, Chemerault habe die Nachricht überbracht, den er doch in Folge eines Sturzes mit dem Pferde verwundet in Montpellier zurükgelaſſen hatte. So erfuhr man, daß Chemerault nicht angekommen ſei, Niemand aber konnte ſich erklären, wie doch die Nachricht lange vor Lapparat habe ankommen können.