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Sogleich eilte ſie dahln und ließ ſich von den Lakalen nicht aufhalten. „Iſt Herr von Chemerault nicht hier 2“ fragte ſie.„Er befindet ſich bel Miniſter.“
Der Kammerdiener, der den Befehl hatte, durchaus Niemanden vorzu⸗ laſſen, verſicherte ſie, er habe zwar von der Ankunft des Herrn von Cheme— vault gehört, aber bei dem Miniſter ſei er nicht, ſondern wahrſcheinlich bei dem Könige.
Sie kehrte dennoch in das Schloß zurük, ohne auf das Geziſchel der Leute zu achten, denn ihre Loken hatten ſich halb aufgelöſt, ihre Schuhe wa⸗ ren beſchmuzt, ſie hatte ihre Handſchuhe, ihr Taſchentuch und ihren Fächer vergeſſen. Troz dem ließ ſie ſich zur Frau von Maintenon führen, welche am Morgen Andachtsübungen hielt.
„Haben Sie die Gnade, mich zu dem Könige zu führen,“ bat ſie.
„Was wollen Sie bei dem Könige? Wollen Sie klagen oder um eine Gunſt bitten?“
„Ich klage über Niemanden als den Herrn von Chemerault, der dieſe Nacht angekommen und noch nicht bei mir geweſen iſt. Führen Sie mich zum Könige.“ e
„Der König hat Medizin genommen und verrichtet ſeine Andacht; Abends wird Spiel, Muſik dc. ſein.“
„Bis Abend ſoll ich warten? Der Kammerdiener Barbezieux's ſagte mir,
Chemerault ſei bei dem Könige.“
„Ich werde Sie doch nicht zum Könige führen können, da derſelbe jezt Niemand empfängt.
„Sie empfängt er immer,“ erwiderte Louiſe ſchmeichelnd,„ich beſchwöre Sie, ich muß mit dem Könige ſprechen und Chemerault ſehen. Wenn Sie mich nicht begleiten, gehe ich ganz allein und werde hineinkommen, denn Cheme— rault iſt jezt bei dem Könige und ich habe ihn ſeit ſeiner Ankunft noch nicht
geſehen.“ f Frau von Maintenon konnte den ſtürmiſchen Bitten ihres Lieblings, des
Fräulein Louiſe von Vaucelay, nicht widerſtehen, die ſie bald lachend, bald
weinend mit ſich fortzog. Sie mußte endlich nachgeben und ſo begaben ſie ſich beide nach den Gemächern Ludwigs XIV.
Dieſer hatte ſeine Medizin genommen und ſeine Andacht verrichtet; die Nachricht von der Uebergabe Barcelonas war bereits auch zu ihm gedrungen, aber die Freude darüber wurde durch den Verdruß gemildert, dieſelbe nicht zuerſt vernommen zu haben. Doch genoß er die Glükwünſchungen der Höflinge, die ſich drängten, ihm bei dieſer Gelegenheit von neuem ihre Huldigungen darzubringen. 5 5
Die Frau von Maintenon trat durch die geheime Thüre mit Louiſe ein, die ſogleich rief:„Chemerault! wo iſt er?“ indem ſie ſich unter den Anwe—⸗ ſenden umblikte.„Mein Gott, auch hier iſt er nicht? Meine Herren, haben Sie ihn nicht geſehen? Sire, iſt Chemerault bei der Belagerung verwun— det worden?“*
„Wer iſt das Mädchen?“ fragte der König die Marquiſin, welche über
Louiſen lächelte.
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