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Das Fräulein waß eine Waiſe und ohne allen andern Reicht hum als ihre Schönheit, ihre Anmuth und jene reizende Aufrichtigkeit, welche ſelbſt den mit den zeremoniellen Gewohnheiten am meiſten Vertrauten gefiel. Die Herzogin von Maine, welche ſie um ſo mehr liebte, da ſie mit derſelben in vielen Vunkten Charakterähnlichkeit hatte, ſagte oft, der König werde nicht die Kraft behalten haben, ernſthaft zu bleiben, wenn Louiſe bei den Apparte⸗ ments, an einem Ball- oder Konzerttage mit kurzem Roke, mit Häubchen und Vantoffeln vorgeſtellt würde. Das Fräulein hatte wirklich weder Furcht noch Zuneigung und ſie wußte ihre Vathe(wie man auch die Frau von Main— tenon nannte) durch Handlungen und Poſſen zu lachen zu machen, welche bei andern für unerträglich gegolten haben würden; um ſo mehr, da die ſonſt gegen alle ſo ſtrenge Frau von Maintenon ſo viel Nachſicht für ihren Liebling zeigte,
daß ſie ihr erlaubte, für den Mann, den ſie anbetete und der ſie bald hei rat hen
ſollte, die maßloſeſte Zärtlichkeit zu erkennen zu geben. Dieſer Liebhaber, dieſer Verlobte war Chemerault und Louiſe von Vaucelay verheimlichte ihre Liebe für ihn nicht.
Den 15. Aug. mit Tagesanbruch fuhr ein ſorgfältig an allen Seiten verſchloſſener, ſehr beſchmuzter Poſtwagen in Verſailles durch die Allee von Sceaux ein, wo ſchon viele Gartenarbeiter an ihren Spaten eingeſchlummert waren; bei dem Peitſchengeknall und Rädergeraſſel wachten ſie auf. Der Po—⸗ ſtillon trieb ſeine Pferde an, die, mit weißem Schaum bedekt, ihre lezten Kräfte anſtrengten, den Stall und den Hafer zu erreichen. Man ſah an der Ermattung dieſer armen Thier, daß ſie unterwegs nicht Zelt gehabt hatten zu verſchnaufen und die Ankunft dieſes geheimnißvollen Wagens ohne Zweifel mit Ungeduld erwartet wurde. Die Arbeiter hoben den Kopf empor und ſahen
den Wagen vorbeirollen, der mit erſtaunlicher Schnelligkeit über das Pfla⸗
ſter raſſelte.
„Dieſer Poſtillon würde wohl zehn Perſonen niederfahren, wenn um
dieſe Zeit Leute auf den Straßen wären,“ ſagte einer der Arbeiter, den ein Rad geſtreift hatte. 5
„Es iſt ein Kourier, der dem König eine wichtige Nachricht bringt,“ entgegnete ein Anderer, der dem ſchon weit entfernten Wagen mit den Bli—
ken folgte. „Welche Neuigkeit?“ meinte der Dritte,„einen Sieg, eine Stadt
eingenommen, eine Provinz erobert? man hört nur von den Ruhme der Waf⸗ fen des Königs ſprechen.
„Nun,“ nahm der Vorige das Wort wieder,„iſt das nicht gut für Frankreich und für uns?“.
„Für uns? Bekümmern wir uns um unſere Angelegenheiten und es wird wohl um die Wirthſchaft ſtehen, und wenn der König ganz Europa eroberte, würde das Brod nicht wohlfeiler werden.““ i
„So gibt es doch mehr Arbeit, denn Sr. Majeſtät beſtellt dann Triumph⸗ bogen, Statuen, Gemälde, Feuerwerke...“
„Als wenn die Gemälde, die Statuen, die Triumphbögen in unſer Jach gehörten, Schwachkopf. Von dem Feuerwerke rede ich nicht; von dem ſehen wir immer ein Paar Raketen, aber das iſt auch Alles. Alſo Barcelona
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