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Hermann v. Hermannsthal. Freiburg im Breisgau. Druk und Verlag der Fr. Wagner'ſchen Buchhandlung. 1857.“ Gedichte ſind es zwar, die hier dem Leſer geboten werden, aber keine all— täglichen Reimereien; keine verſifizirte kernloſe Liebesſeufzer u. leere Empfin⸗ deleien. Unſer Dichter hat Geiſt, Ge— müth und Originalität. Alles hat hier eine edle Färbung u. nach einem Ziele, nach einer Richtung ſtrebt des anmu— thigen Sängers Pbantaſie, ſo manig— faltig die äußere Form auch ſein mag. Wir zweifeln, daß unter hundert Le— ſern ſich Einer finden würde, der nicht in dieſem Buche ſo Manches entdekte, was in ſeinem Innerſten lebhaften An— klang erführe.— Die Verſiſikation iſt leicht und gefällig; wir geben hier als Probe die eee Wer den Winter nie geſehen, Der verſteht den Frühling nicht; Wer die Windsbraut nie vernommen, Weiß nicht, wie der Zephyr ſpricht. Wer den Pfeil nie hat empfunden, Weiß nicht, wie der Balſam thut; Wen der Schlummer nie geflohen, Weiß nicht, wie ſich's wonnig ruht. Wer vom Wermuth nie getrunken, Weiß nicht, wie der Nektar ſchmekt; Wer in Gram nie eingeſchlafen, Weiß nicht, wie die Freude wekt. Wer ſich nie auf Stein gebettet, Weiß nicht, wie die Flaumen weich; Wer den Armen nie geſehen, Weiß nicht, wie er ſelber reich. Wer erſtarrt nie ſah die Quelle, Weiß nicht, wie ſie munter fließt;— Ach, und wer ſie nie verlaſſen, Weiß nicht, was die Heimath iſt! Druk u. Papier ſind ſehr empfehlend. 5 M.
) Peſth, zu haben in Hartlebens Buchhandlung.
Mignon ⸗Zeitung⸗
Feuilleton aus Wien⸗ XVI. Im k. k. Hofoperntheater kam endlich am 14. Okt. der viel beſproche⸗ ne:„Poſtillon von Lonjumeau“ in die Szene. Mit dem Gefallen dieſer Oper ging es höchſt ſonderbar zu. Im erſten Akte war das Publikum ob der herr— lichen Muſik, ob des heitern, wizigen Dialogs entzükt; im zweiten Akte, bei der Bravourarie der Mad. Latour(von Dem. Lutzer wunderſchön geſungen) da klatſchten ſie ſich die Hände wund, und lachten aus vollem Halſe bei den komiſchen Szenen mit den Operiſten; doch im dritten Akte ging es mit dem Applauſe und mit Lachen ſchon dimi- nuendo und beim Schluſſe der Oper war manch unzufriedenes Geſicht, manch verdrießlicher Blik zu gewahren. We— der in der Handlung noch in der Mu— ſik war das Ende befriedigend. Deſſen⸗ ungeachtet läßt ſich behaupten, daß dieſe Oper, durch den Neiz der trefflichen Darſtellung, ſich längere Zeit auf dem Repertoir erhalten wird). Dem. Lutzer war als Madeleine unübertrefflich. Seit ihrem erſten Auftritte hat dieſe Künſt— lerin keinen ähnlichen Triumph ge— feiert, als in dieſer Rolle. In deie⸗ ſem Genre iſt ſie zu Hauſe, nur in dieſem ſollte ſie ſich bewegen— für's Tragiſche hat ſie noch zu wenig Adel und Anſtand in Haltung u. Akion. Hr. Wild gab den Part des Chapelou mit der Gewandtheit und dem Takte eines denkenden Künſtlers. Herr Staudigl war als Wagner Bijou ein ergözlich Bild der komiſchſten Simplizität; eben ſo wahr und natürlich gab Hr. Forti
) In Saphir's„Humoriſt“ ſpricht ſich der Pſeudonym Carlo ganz richtig über dieſe Oper aus und ſtimmt mit dem Peſther Referate des Spiegels ſehr überein. RN.


