Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
645
 
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Aſſeſſor Grund, hart getadelt wird.] Lorbeer-Vettelſtab in der Hand, iſt

Unſer Dichter findet auch keinen Ver⸗ leger für ſein auf der Bühne durchgefal⸗ lenes Stük, was ihn um ſo härter trifft, da er in dürftigen Umſtänden iſt, Weib und Kind zu ernähren hat und folglich auf das Honorar ſtark rechnete. Und der Lauberbaum? Einen ſolchen ſchikte ihm gleich Anfangs Fräulein Agnes, die BVraut ſeines Freundes Grund, die ſchon von dem Vorleſen des fatalen Trauerſpiels entzükt war. Obwohl der arme Dichter nicht wußte, wer den Lorbeer ſandte, entſchädigte ihn doch einigermaſſen dieſer Zoll, ſeiner Eitel⸗ keit gereicht, für die ſchweren Streiche des Geſchikes. Erſt am Schluſſe erfuhr er, daß Agnes, die bereits mit Grund vermählt war, die Lorbeerſpenderin war. Seine ſchon früher im Stillen gehegte Liebe für dieſe Dame erwacht nun vollends. Unglüklich in der Dicht⸗ kunſt wie in der Liebe, dazu auch ſeine derangirten häuslichen Verhältniſſe(der Tod ſeines Weibes ſcheint ihm das kleinſte Mißgeſchik geweſen zu ſein) bringen ihn zur Verzweiflung und zum Wahnſinn. Er ergreift den Lorbeer baum, das Einzige, das ihm ſeine Gläubiger gelaſſen, verwandelt ihn in einen Vettelſtab, um alsgroßer Mann, als Bettler durch die Welt zu ziehen, während Alles glaubt, er hätte ſich entleibt. Sein Kind William wird, auf Verwendung eines reiſenden, aber gutmüthigen Abenteurers, des Che valiers Fedor v. St. Erval, von dem Aſſeſſor Grund an Kindesſtatt ange nommen. So endigt das Haupt⸗Stük, wovon jeder der 3 Akte in einem an⸗ dern Winter ſpielt denn die Sommer wären wohl etwas zu heiter für dieſes düſtere Gemälde geweſen. Nun kommt das Nachſpiel. Die Perſonen ſind jezt um 20 Jahre älter geworden und be finden ſich in Wiesbaden. Heinrich iſt ein alter wahnſinniger Bettler; ſeinen

er in Wiesbaden das Geſpötte der Kin⸗ der und Muthwilligen. Ein Zufall ver⸗ einte auch ſeinen alten Freund, den nunmehrigen Präſident Grund, ſammt Gattin(Agnes), Tochter und Pflege⸗ ſohn(Heinrichs Sohn), und den Che valier in Wiesbaden. Man erkennt in dem Vettler den todtgeglaubten Hein⸗ rich, deſſen poetiſcher Nachlaß allge⸗ meine Anerkennung fand. Es gibt herz zerreißende Szenen. Heinrich erlebt noch die Freude, gewürdigt zu ſein. Sein Bettelſtab wird wieder zum Lorbeer. Er ſieht ſeinen Sohn, ſeinen Freund; ſein Sohn heirathet die Tochter ſei ner Agnes. Und im Uebermaaß des Glükes ſtirbt er. Die Tendenz des Stükes iſt, daß der deutſche Dichter nur nach dem Tode(etwa zwanzig Jah re darnach) Anerkennung findet. Dies mag ſein u. auch vielen verunglükten Voetleins zum erbaulichen Troſte die nen. Nur entbehrt dieſes Werk Hol⸗ teis eine gehörige Motivirung der Handlung, ſo wie faſt alle dramatiſche Gerechtigkeit; es iſt nur eine effekt⸗ voll zuſammengeſtellte Szenen-Gallerie, eine Reihe kräftig nüancirter Ta⸗ bleaux, lebhaft gezeichneter Skizzen, die Verſtand, Herz u. Gemüth erſchüt⸗

ternd anregen, wenn gleich manchmal,

wie bei Iffland'ſchen Stüken, eine Kol⸗ lekte im Parterre Alles ausgleichen würde. Die Zeichnung der Charaktere iſt weder neu, noch konſequent gehalten. Hingegen iſt die Diktion edel u. geiſt⸗ reich. Etwas ſchleppend ſind die erſten drei Akte und ſie dürften wohl für die Gallerien weder eine Sonntags- noch Alltagsſpeiſe werden. Raſcher u. weit effektvoller, auch viel dramatiſcher iſt das Nachſpiel und die hervorgebrachte Rührung war eben ſo groß als allgemein. Die Darſtellung war faſt in allen Theilen ſehr gelungen. Hr. Deſſoir gab den Dichter und er malte die leichte