595 Der Bandit der Abruzzen. (Aus Chambre's Magazine.)
l Zwei Tage nach meiner Ankunft in Aquila hatte ich, indem ich Abends über den Marktplaz ging, Arbeiter beſchäftigt geſehen, bei Fakelſchein ein Gerüſt von Balken zu errichten. Ein Haufe Soldaten hatte Mühe, die neu⸗ gierige Menge fern zu halten. Ich erfuhr, daß ſie einen Galgen bauten, der am folgenden Morgen zur Hinrichtung eines kühnen Banditen dienen ſollte, der ſeit langer Zeit Schreken in den Abruzzen verbreitete.
Am andern Morgen früh gegen 7 Uhr, trat einer meiner italieniſchen Freunde in mein Zimmer:„Ich komme, Sie mitzunehmen,“ ſagte er,„um der Hinrichtung von Giuſeppo Palmieri beizuwohnen, den Sie ohne Zweifel kennen. Sie wiſſen, daß der arme Teufel kürzlich gefangen worden iſt. Sein Prozeß iſt nicht lang geweſen und heute richtet man ihn hin. Man muß Alles ſehen, wenn man in einem fremden Lande iſt,““ fügte mein Freund hinzu, dem ich nicht eben ſchnell antwortete;„ein Augenblik der Trägheit oder des Widerwillens könnte Sie einen merkwürdigen Zug der Landesſitten verlie— ren laſſen.“ f
Ich entſchuldigte mich bei meinem Freund; ich ſagte ihm, daß ich keine Luſt hätte, mit dem Unglüklichen Bekanntſchaft zu machen, den man eben hängen wolle und daß ich gar nicht geneigt wäre, ein Experiment mit meinen Nerven zu machen.
Alle Mühe, die ſich mein Freund gab, um mich zu beſtimmen, ihm zu folgen, war überflüſſig; aber einige Worte, die er mir über den Charakter des Banditen ſagte, reizten meine Neugierde und da der Italiener allen De⸗ batten der Unterſuchung beigewohnt hatte, ſo bat lich ihn, mir Giuſeppo's Geſchichte zu erzählen. Was er mir mittheilte feſſelte meine ganze Aufmerk- ſamkeit und ich wünſche, daß der Leſer eben das Intereſſe daran finden moge, mit welchem ich meinem Freunde zugehört habe.
„Giuſeppo Palmieri iſt in der kleinen Stadt Fraſinone, die auf dem Abhange der Abruzzen liegt, geboren. Sein Vater, der im Handel durch Sparſamkeit ein kleines Vermögen erworben hatte, ließ ihm eine gewiſſe Er—⸗ ziehung geben, denn er beſtimmte ihn für die Kirche. Aber Palmieri hatte keinen großen Beruf dazu, wie man gleich ſehen wird. Schön, tapfer, von kühnem und unternehmendem Charakter, liebte er das Vergnügen zu ſehr. Er verliebte ſich in ein junges, reizendes Mädchen von Fraſinone und ſchlich ſich in der Nacht bei ihr ein. Die Liebe, ſagt man, macht viele Fehler verzeih⸗ lich; aber man ſprach auch von Verwundung eines Dieners, von begangenen Gewaltthätigkeiten und was weiß ich noch? Dieſe Sache iſt ohne Zweifel ſehr dunkel; aber ſie machte viel Lärm und Skandal und es begann ein Kri⸗ minal⸗Prozeß. b N
Palmieri nahm die Flucht und entwich in die waldigen Berge, die ſich über Fraſinone erheben. Da er bald auf jede Hoffnung verzichten mußte, ſo blieb ihm kein anderes Hilfsmittel übrig, als die Reiſenden auszuplündern. Ein Räuberhauptmann, den er in ſeiner Kindheit gekannt hatte, ſuchte und fand ihn in ſeinem Schlupfwinkel; denn unſer Held ſah oft in Fraſinone ei⸗ nige Abenteurer des Gebirges, die in der Stadt die Frucht ihrer Räubereien


