Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
594
 
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die Chemie ſelbſt aus Eſſig Zukerſtoff zu gewinnen vermag, und der, ein weit⸗ läufiger Nachkomme des Midas, ſogar Stein in Brot und Gold zu verwan deln verſtand. Seit er ſeinepaar Gulden wie er geringſchäzend von ſei nem Vermögen ſpricht, und wozu ſich die Fantaſie immerhin noch ſechs Nullen denken kann ins Trokne gebracht hat, nimmt er ſich Zeit, ſich um ſeine Geſundheit zu bekümmern. Die Aerzte haben ihm die Seebäder verordnet, und da die Dichter Neapel, ein vom Himmel gefallenes Stük nennen, ſo beſchloß er hieher zu reiſen, um ſich doch auch im Himmel umgeſehen zu haben. Wir wollen ihn fahren laſſen, und wenden uns zu jenem Triumvirat, welches ſich um den Tiſch im Vorgrunde gereiht hat, und welches uns beim Anblik des Bildes ſogleich in die Augen fällt. Es ſind ein Paar Elegants, wie wir aus ihrem Aeußern urtheilen können, welche ſich mit einer Flaſche Lacrymae Christi geiſtig unterhalten. Es iſt ganz klar, daß ſie über Politik ſprechen. Der Eine, der eine Zigarre raucht, ſprüht Feuer und Flammen gegen Don Carlos und läßt die Königin hoch leben. Er hat ſeinen Hut herausfordernd auf ſeinen Scheitel gedrükt, trägt den Stok halbaufgehoben in der Hand, und macht ein Geſicht dazu, als wollte er mit Schiller zu ſprechen gleich dem Marſchall von Sachſen, die Faktioſen mit einem Schaumloöffel über die Pyrenäen jagen! Er hört gar nicht auf den jungen Mann, der ihn auf die Schulter klopft und ihn freundſchaftlich um Feuer erſucht, und welchen er in ſeinem Elfer etwa gar für einen vermittelnden charge d'affaire der Qua drupelallianz hält. Deſto pflegmatiſcher iſt ſein Gegner. Seine Züge ſind ſehr problematiſch, man kann ſie eine perſontifizirte Hieroglyphe nennen; man weiß nicht genau, ob er über den Wein, den er ſo eben gekoſtet, oder über die ſpaniſchen Finanzen ein bedenkliches Geſicht ſchneidet. Seine Miene zeigt, daß er über einen wichtigen Gegenſtand ſinnt; er hat entweder eine Ueberrum⸗ pelung des Espartero vor, oder gar ſchon das Königreich für den Prätendenten in ſeiner Taſche. Er ſcheint ſagen zu wollen:Ehe ich dieſes Glas geleert habe, iſt Madrid in den Händen des Don Carlos. f

Das charakteriſtiſche Bild der Nichtintervention präſentirt ſich in der Perſon des Mannes, welcher gleichſam als eine reſpektirte Neutralität, zwi⸗ ſchen beiden kriegführenden Partheien ſizt, und mit halbgeſchloſſenen Augen, wie ein Kakadu, dem der Kopf gekrazt wird, ſeine Taſſe in langſamen be hag⸗ lichen Zügen hinunterſchlürft, wie der Vernünftige den Becher des Vergnü⸗ gens tropfenweiſe nippen ſoll. Sein Strohhut thronet ſo feſt und gerade auf dem Haupte, als ſäße er auf dem Kopfe eines Quäkers, oder als ſollte er das politiſche Gleichgewicht Europas bildlich darſtellen. Ihn ſcheint es nicht zu kümmern, ob Spanien nach dem ſaliſchen Geſeze regiert werde, oder nach den erzenen Tafeln des Pompilius; ob die ſpaniſchen Fonds eine Schlappe bekamen, oder welche Charte proklamirt werde wenn er nur des Abends eine gute Karte bekömmt, dann mag ſeinethalben die politiſche Welt groß Slam werden! Er ruht ſeiedlich wie die Londoner Protokolle und die belgiſche Frage auf ſeinem Strohſtuhle, ſeine Aufmerkſamkeit erſtrekt ſich nicht weiter als der Bereich ſeiner Naſe geht; und nur wenn er etwa den Inhalt ſeiner Taſſe verſchüttete, könnte er aus ſeinem Gleichmuthe gebracht werben.

(Beſchluß folgt.)