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gemalte Bildniſſe. Das eine ſtellte einen wohlausſehenten Mann bor, von etwa vierzig Jahren, in hellgrüner Uniform mit einem Stern auf der Bruſt; das andere ein junges ſchönes Frauenzimmer mit einer Adler-Naſe, und einer Roſe im friſirten und gepuderten Haar. In allen Eken ſtanden kleine Porzel⸗ lanfiguren, Schäfer u. ſ. w., Tiſchuhren von der Arbeit des berühmten Leroy, 0 Körbchen, Fächer, und verſchiedenes Damen ⸗Spielwerk, wie es gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, gleichzeitig mit Montgolfiere's Luftballon und Meß⸗ mer's Magnetismus, Mode geweſen war. Herrmann trat hinter den Schirm.
Hinter dieſem ſtand ein kleines eiſernes Bett; rechts befand ſich die, in's Ka⸗ binet führende Thür; links eine andere in den Korridor. Herrmann öffnete ſie, ſah eine enge Wendeltreppe, die in das Zimmer der armen Pflegetochter führte— er kehrte aber zukük und begab ſich in's dunkle Kabinet.
Die Zeit ſchlich langſam hin. Alles war ſtill. Im Gaſtzimmer ſchlug es zwölf; die Uhren in allen übrigen Zimmern folgten eine nach der anderen — und wiederum ward Alles ſtille. Herrmann ſtand da, an einen kalten Ofen gelehnt. Er war ruhig; ſein Herz ſchlug regelmäßig, wie bei einem Menſchen, der ſich zu etwas Gefahrvollem, aber Unvermeidlichem entſchloſſen hat. Es ſchlug eins, es ſchlug zwei— da hörte er von Ferne das Herannahen eines Wagens. Eine unwillkürliche Aufregung überfiel ihn. Der Wagen fuhr vor und hielt. Er hörte den Tritt ausſchlagen. Im Hauſe ward es lebhaft. Die Dienerſchaft lief herbei. Man hörte Stimmen und im Hauſe ward ſes hell. In's Schlafzimmer eilten drei alte Dienerinen und faſt leblos trat die Gräfin hinein und ſank in einen Voltaire-Seſſel. Herrmann ſah durch eine Spalte: Liſa ging ihm vorüber. Herrmann hörte ihre eiligen Schritte auf den Stufen ihrer Treppe. In ſeinem Herzen ſpürter eine Art von Gewiſſens
biſſen. Er ſtand da wie verſteinert. 1
Die Gräfin begann ſich vor einem Spiegel auszuzeihen. Die mit Rofe geſchmükte Haube ward abgenommen, dann folgte eine Perüke, die ein graues glatt raſirtes Haupt ſehen ließ. Steknadeln ſtürzten wie ein Regen um ſie her. Ein gelbes, mit Silber ausgenähtes Kleid ſiel zu ihren welken Füßen. Herrmann war Zeuge der widerlichen Geheimniſſe ihrer Toilette: endlich ſtand die Gräfin da in ihrem Nacht-Anzuge, in welchem ſie, als ihrem Alter mehr angemeſſen, minder ſchreklich und häßlich ausſah.
So wie alle alten Leute im Allgemeinen, litt die Gräfin an Schlafloſig⸗ keit. Nachdem ſie ausgezogen war, ſezte ſie ſich in den Voltaire-Seſſel und ſandte ihre Mägde fort. Die Lichter wurden weggebracht und nur die Lampe vor den Heiligenbildern brannte. Die Gräfin ſaß da, ganz gelb von Ange— ſicht, mit bebenden herabhängenden Lippen und ſich hin und herſchaukelnd. Ihre trüben Augen verkündeten eine völlige Gedankenloſigkeit; wenn man ſie anſah, hätte man glauben können, daß das Schaukeln der furchtbaren Alten nicht eine Wirkung ihres Willens, ſondern eines verborgenen Galvanismus ſei.
Plözlich veränderte ſich das Todten⸗Antliz auf eine merkwürdige Weiſe. Die Lippen bebten nicht mehr, die Augen belebten ſich: vor ber Oraͤſin ſtand ein unbekannter Mann. 0
„Erſchreken Sie nicht, um Gotteswillen erſchreken Sie nicht,“ ſprach dieſer mit vernehmlicher, doch leiſer Stimme.„Ich habe nichts VBöſes mit Ihnen im Sinne; ich bin nur hier, Sie um eine Gnade zu bitten.“


