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Ausgabe. Er war übrigens verſchloſſen und ehrgeizig, und ſelten fanden ſeine Gefährten Gelegenheit ſich über ſeine außerordentliche Sparſamkeit aufzuhal— ten. Er beſaß heftige Leidenſchaften und eine feurige Einbildungskraft, aber ſeine Charakterfeſtigkeit ſchüzte ihn gegen die gewöhnlichen Verirrungen der Jugend. So nahm er z. B., obgleich er das Spiel liebte, nie eine Karte in die Hand, weil er berechnete, daß ſelne Lage es ihm nicht erlaubte(nach ſei— nem Ausdruke),„das Unentbehrliche zu opfern, um das Ueberflüſſige zu ge— winnen“,— während er ganze Nächte lang an Spieltiſchen ſaß und in fieber— hafter Bewegung den verſchiedenen Wendungen des Spieles folgte.
Die Anekdote von den drei Karten wirkte mächtig auf ſeine Einbil⸗ dungskraft, und kam ihm die ganze Nacht hindurch nicht aus dem Kopf.— Wie, dachte er am folgenden Tage, indem er durch Petersburgs Straßen wan— delte: wenn die alte Gräfin mir ihr Geheimniß mittheilte— oder mir die drei ſicheren Karten entdekte? Warum ſollte man ſein Glük nicht verſuchen?—
Wenn ich mich ihr vorſtellen ließe, ihre Gunſt erwürbe,— ja vielleicht ihr Liebling würde, doch dazu gehört Zeit— und ihre 87 Jahre— ſie kann in acht Tagen ſterben— ja in zwei Tagen!— Und dann die Anekdote ſelbſt? — iſt ſie wahr?— Nein! Verechnung, Mäßigkeit und Arbeitſamkeit: dies ſind meine drei ſicheren Karten, dieſe verdreifachen, verſiebenfachen mein Ka— pital und verſchaffen wir Ruhe und Unabhängigkeit!— Indem er dieſe Ve⸗ trachtungen machte, gerieth er in eine der Hauptſtraßen Petersburgs und be— fand ſich vor einem Hauſe von altmodiſcher Architektur. Die Straße war voll Egquipagen, ein Wagen nach dem andern hielt vor einer erleuchteten Anfahrt. Alle Augenblike ſtiegen aus dem Wagen: bald das zierliche Füßchen einer jungen Schönen, bald ein lärmender Steifſtiefel, bald ein geſtreifter Strumpf und ein diplomatiſcher Schuh. Pelze und Mäntel drehten ſich um den rieſen⸗ artigen Portier. Herrmann blieb ſtehen.
„Wem gehört dies Haus?“ fragte er den an der Eke ſtehenden Bu⸗ dotſchnik).
„Der Gräfin ,“ war die Antwort.
Herrmann fuhr zuſammen. Die merkwürdige Anekdote fiel ihm wieder ein. Er ging um das Haus herum, dachte an ſeine Beſizerin und an ihre ſeltſame Eigenſchaft. Spät erſt kehrte er in ſeine beſcheidene Wohnung zurük; es dauerte lange bis er einſchlief, und als der Schlaf ihn übermannte, träumte er von Karten, grünen Tiſchen, Haufen von Banknoten und Bergen von Du— katen. Er ſezte eine Karte nach der andern, bog friſch weg immer weiter, ge— wann beſtändig und hatte die Taſchen voll Gold und Banknoten. Erſt ſpaͤt erwachte er, ſeufzte über den Verluſt ſeines eingebildeten Reichthums, machte wieder einen Spazirgang durch die Stadt und befand ſich wieder vor dem Hauſe der Gräfin. Eine unhekannte Macht, ſchien es, zog ihn dahin. Er blieb ſtehen und blikte auf die Fenſter. An einem derſelben ſah er ein Köpfchen mit ſchwarzem Haar, niedergebeugt, wahrſcheinlich um zu leſen oder
) So heißen die an den Eken der vetersburger Straßen poſtürten Wächter nach ihren Schilderhäuſern, Budki, in denen ſie förmlich wohnen, um Tag und Nacht für Ordnung und Sicherheit zu ſorgen.


