*
530 1
duld auf einen Befreier; aber die jungen, in ihrer leichtfertigen Ehrſucht be⸗ rechnenden Männer ſchenkten ihr keine Aufmerkſamkeit, obgleich ſie hundert⸗ mal liebenswürdiger war, als die froſtigen, ſeelenloſen Fräulein, denen ſie den Hof machten. Wie oft begab ſie ſich, um ſich ſatt zu weinen, aus den langweiligen und prächtigen Gaſtzimmern in ihr ärmliches Gemach, welches nichts enthielt als einen mit Tapeten beſchlagenen Schirm, eine Kommode, einen kleinen Spiegel und eine angeſtrichene Bettſtelle, und wo ein Talglicht in einem meſſingnen Leuchter ſeinen düſtern Schein verbreitet.
Einſt— es war am zweiten Tage nach jenem Abende, von dem zu An— fange dieſer Erzählung die Rede geweſen iſt, und eine Woche vor der Szene, bei welcher wir ſtehen geblieben ſind,— ſah Liſa, die am Fenſter bei ihrem Nährahmen ſaß, zufällig aus dem Fenſter und erblikte einen jungen Inge⸗ nier⸗Offizier, der unbeweglich daſtand und unverwandt das Fenſter anſtarrte. Sie ſenkte das Haupt und beſchäftigte ſich wieder mit ihrer Arbeit; nach fünf Minuten ſah ſie wieder auf die Straße,— der junge Offizier befand ſich noch auf der nämlichen Stelle. Nicht gewohnt, mit vorübergehenden Offizieren zu kokettiren, ſah ſie nicht mehr zum Fenſter hinaus, und nähte faſt zwei Stun⸗ den lang, ohne den Kopf zu erheben. Man rief zum Mittageſſen. Sie ſtand auf, ſezte ihren Nährahmen fort und erblikte, als ſie zufällig ihr Auge auf die Straße warf, abermals den Offizier. Dies mußte ihr natürlich auffallen. Nach der Tafel trat ſie etwas aufgeregt an's Fenſter, aber der Offizier war nicht mehr da,— und bald hatte ſie ihn vergeſſen.
Als ſie nach Verlauf von zwei Tagen mit der Gräfin aus dem Hauſe trat, um in den Wagen zu ſteigen, ſah ſie ihn wieder. Er ſtand dicht am Eingange, das Geſicht mit dem Biberkragen ſeines Mantels verhüllt: unter dem Hut blikten ein Paar ſchwarze Augen heraus. Liſa erſchrak, ſie wußte ſelbſt nicht warum, und ſezte ſich mit einer ihr unerklärlichen Erſchütterung
in den Wagen. f Nach Hauſe zurükgekehrt, eilte ſie an's Fenſter— der Offizier ſtand auf der früheren Stelle, das Auge auf ſie gerichtet: ſie trat zurük, gequält von der Neugier und von einem, ihr bisher unbekannten Gefühl.
Von dieſer Zeit an verging kein Tag, wo der junge Mann nicht zu einer gewiſſen Stunde ſich unter den Fenſtern des Hauſes gezeigt hätte. Zwi⸗ ſchen ihm und ihr hatte ſich ein unwillkürliches Verhältniß gebildet. Auf ih⸗ rem Plaz bei ihrer Arbeit ſizend, fühlte ſie ſein Kommen, erhob den Kopf und ſah ihn mit jedem Tage länger an. Wie es ſchien, war der junge Mann ihr dafür dankbar: ſie ſah mit dem ſcharfen Blik der Jugend, wie eine flie⸗ gende Röthe jedesmal ſeine blaſſen Wangen überzog, wenn ihre Blike ſich be⸗ gegneten. Eine Woche ſpäter lächelte ſie ihm zu.— f
Als Tomski um Erlaubniß bat, der Gräfin einen Freund vorſtellen zu dürfen, klopfte das Herz des armen Mädchens heftiger. Als ſie aber erfuhr, daß Narumoff kein Ingenieur, ſondern von der Garde zu Pferde war, that es ihr leid, ihr Geheimniß dem leichtfertigen Tomski verrathen zu haben.
Herrmann war der Sohn eines ruſſiſch gewordenen Deutſchen, der ihm ein kleines Kapital hinterlaſſen hatte. Von der Nothwendigkeit feſt über⸗ zeugt, ſeine Unabhängigkeit bewahren zu müſſen, rührte Herrmann ſeine Zin⸗ ſen nicht an, lebte nur von ſeinem Gehalt und verſagte ſich jede unnöthige


