508—— Die Sicherheits karte.
Zu jener Zeit, wo kein Bewohner von Paris, der nicht begierig war, die Gefängniſſe der Hauptſtadt Frankreichs kennen zu lernen, verſäumen durf⸗ te, ſich mit einer Art von Paß zu verſehen, der ſeinen Namen, Vornamen, Stand und Wohnort enthielt, ging um Mitternacht der berühmte Sänger Garat— der Lehrer Nourrits— der mit 20 Jahren, als er kaum die erſten Elemente der Kunſt gelernt hatte, die Oper:„Orpheus“ ſang, wie ein An⸗ derer eine kleine Romanze geſungen haben würde— nach Hauſe, und ſang mit halber Stimme ein Liedchen aus dem neueſten Vaudeville, als er ein don⸗ nerndes:„Wer da!“ vernahm.
„Gut Freund!“ entgegnete Garat.
„Gut Freund! was ſoll dieſe Antwort bedeuten? Würdet Ihr wohl an dem Worte Bürger erſtiken?“
„Wohlan denn, Bür— ger, wenn Euch das Vergnügen macht.“
„So iſt es recht“, erwiderte der ſpaß hafte Korporal von der National— garde,„aber man hat viel Mühe, Euch die Worte aus der Kehle herauszu⸗ ziehen. Ihr habt mir ganz das Anſehen eines lokern Bruders, eines luſtigen Geſellen. Eure Karte?— Ich wette, er hat keine Karte!“
„Ihr habt gewonnen, Karporal! denn ich habe keine.“ 1
„Seht Ihr wohl— es iſt ein Verdächtiger! auf die Wache mit ihm.“
„Einen Augenblik, meine Herren, einen Augenblik! ich habe meine Karte vergeſſen, das iſt wahr; aber ich bin darum kein Vagabund, kein Un⸗ bekannter— ich heiße Garat.““
„Garat?“ rief der Korporal,„wartet doch, bis ich Euch ein wenig ge— nauer unterſuche.“ f f
Er hob ſeine Laterne, und ließ ihren Schein mehr als eine Minute au Garats Antliz ruhen, dann ſprach er:
„Ihr ſeid nicht Garat.“ g
„Was? ich bin nicht ich?— das iſt doch etwas ſtark. Ihr kennt mich wohl gar nicht?“ f
„Euch kenne ich nicht, da habt Ihr Recht, aber ich kenne Hrn. Garat ſehr wohl, deſſen Talent ich verehre, und der Euch gar nicht gleich ſteht, er iſt viel fetter als Ihr.“
„Aber, Korporal! ich war ſechs Monate in enger Gewahrſam, da bin ich abgemagert.“
„Sagt das einem Andern. Ich habe Garat im lezten Konzert des Feydeau geſehen, wo er ſehr brav geſungen hat, man muß ihm die Gerechtigkeit wi⸗ der fahren laſſen. Allons! auf die Wache, Ihr kennt es mit dem Offizier ausmachen.“
Garat wüthete; doch ſah er, jeder Widerſtand ſei unnüz, und folgte der Patrouille. Als ſie auf der Wache anlangte, flüſterte der Korporal dem Offi⸗ zier ein Paar Worte ins Ohr, worauf dieſer mit wichtigem Tone ſprach:
„Wie, mein Herr! Sie behaupten, der Sänger Garat zu ſein!“
„Ja, ich wage dieſe Behauptung.“
„Sie ſcheint mir ſchlecht begründet zu ſein. Ihr kommt mir gar nicht ſo vor, wie der berühmte Mann, deſſen Namen Ihr uſurpirt. Uebrigens ſkeht


