Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
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Mignon ⸗Zeitung.

Vuntes aus Paris. Unter die zu einem Balle geladenen Gäſte miſchen ſich öfters auch Gauner mit ei ner unglaublichen Frechheit ein, und halten ſich dann weniger an das Tan⸗ zen, als vielmehr an das Spiel. Drei zierlich gekleidete Männer dieſer Gat tung waren vor einigen Jahren in ei⸗ ner zahlreichen Geſellſchaft die Mata- dore am Spieltiſche. Im Kartenmiſchen hatten ſie anſcheinlich ſehr wenig Ue bung gehabt, aber dafür gewannen ſie recht anſehnlich, und bald konzentrirte ſich aller Gewinn in ihren Händen. Man bewachte ſie mit Aufmerk ſamkeit und merkte endlich, daß der Treffle könig drei Mal in derſelben Partie er ſchien, was unmöglich mit rechten Din gen zuging. Man winkte ſich zu, man befragte ſich, Niemand kannte die drei Individuen, ſelbſt der Hausherr konn- te ſich nicht erinnern, ſie je geſehen zu haben. Indeß beobachtete man ſie noch ſtrenge und bemerkte, wie kleine Ein- ſäze oft gewannen, während alle grö ßern Summen von den Dreien einge- zogen wurden. Endlich wurde einer von ihnen auf der That ertappt, als er eben eine Karte ſpringen ließ und laut der Betrügerei beſchuldiget. Ein Freund des Hausherrn befahl ihm, die Karten abzugeben und ſeinen Namen zu ſagen, ſo wie die Perſon zu nennen, durch die er eingeführt.Ich bin eingeführt von Herrn Rigny de Brigny. Aber keine Perſon dieſes Namens befand ſich in der Geſellſchaft. Troz tauſend Ein⸗ wendungen wurde er zum Polizeikom miſär geführt, der ihn verhörte und in Sicherheit bringen ließ. Seine bei⸗ den Freunde hatten ſich bei Zeiten aus dem Staube gemacht, ſo daß man ih⸗ rer nicht mehr habhaft werden konnte. Vor Kurzem ſahen die Zollaufſeher an einer Varriere in Paris ein nett

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gekleidetes, in üppiger Fülle gebaue⸗ tes Bauernmädchen hereinkommen. Die Bewunderung der Aufſeher wich indeß bald dem Argwohne; einer ging zu dem Mädchen, nahm ſie am Arme, führte ſie in das Bureau und ſagte ihr ſo artig als möglich, daß ſie ſich durch⸗ ſuchen laſſen müſſe. Das Mädchen er röthete, weigerte ſich, bat, weinte und geberdete ſich ganz untröſtlich. Der Zöll⸗ ner kannte indeß nur ſeine Pflicht, wi⸗ derſtand den Thränen der Schönen und führte ſie in ein anſtoßendes Zimmer, wo zwei Frauen ſogleich anfingen, das Mädchen zu entkleiden. Nach einem kurzen, durch die Scham gebotenen Kam⸗ pfe fiel der Rok und die Schöne zeigte ſich den Frauen in dem ſeltſamſten An zuge. Ein Art Leibchen von grober Leinwand umſchloß eng ihre übertrie⸗ benen Reize von den Knien bis unter die Achſeln. Die Frauen faßten bald noch einen andern Argwohn, riefen die Aufſeher, um die Durchſuchung ſelbſt zu vollenden und das Mädchen wurde unter deren Händen ein junger Bur⸗ ſche, der nichts Mädchenhaftes hatte als das Geſicht. Ein Buſen und Hüften von Blech, worin eine Quantität Al⸗ kohol enthalten war, vervollſtändiget die Verkleidung. Man hat bei den Feſten in Verſailles junge Modeherren nach dem Vortheil ſtreben ſehen, unter den Figuranten des Théatre Franęais mit aufzutreten, um ſagen zu können, auch bei dem Feſte geweſen zu ſein. In England iſt es anders: Der Wunſch, die Veſtattung der königlichen Leiche in der Nähe zu ſehen, wird ſo weit getrieben, daß man große Summen bie⸗ tet, um die Ehre zu erlangen, eine Kerze in der St. Georgskapelle tragen zu dürfen. Zu Rouen kam kürzlich

ein Vauersweib in den Gerichtsſaal.

Es ſcheint, daß ſie die ganze Verſamm⸗ lung für eine Art Gottes dienſt hielt. Sie kniete vor einer VBüſte in dem

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