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den Charaktere waren ſo ſcharf von einander getrennt und jeder insbeſon⸗ dere ſo vollkommen richtig gehalten, daß die Sünde die der Dichter gegen die Wahrſcheinlichkeit beging, dadurch beinahe ausgeglichen wurde. Dem. Rei⸗ chel ſchuf ſich in ihrer Darſtellung ſo viele wirkungsvolle Momente, daß das Publikum oft in lauten Beifall aus⸗ brechen mußte u. die Darſtellerin meh- reremal hervorrief. Dem. Reichel er— hielt überdies an dieſem Abend die wohlverdiente Huldigung, daß ihr zwei Lorbeerkränze, und ein ſehr gelungenes Gedicht in Sonettenform zuflogen. Von dem Gedichte führen wir die lezten Verſe an: Den Schmerz haſt Du gelehrt durch Deinen Schmerz, Die heit're Luſt durch Deinen zar⸗ ten Scherz, Du biſt uns Gram, uns Glük, uns ew'ges Sehnen. Als Grazie lehrſt Du uns zart em- finden, Als Muſe uns dem Erdenraum ent— ſchwinden, ö Und nahſt als Urbild uns dem höch— ſten Schönen. Von den Mitwirkenden müſſen wir vor— züglich Herrn Nötzl nennen, der den alten Landjunker mit herzlicher Jovia— lität gab und von Szene zu Szene die Spannung des Publikums ſteigerte. Hr. Thoméè gab den Karl von Horſt recht anſtändig, und gefiel ungemein. Hr. Kurt war ſehr lobenswerth in der Rolle des pedantiſchen Sekretairs. Die kleine, aber piquante Rolle des Ober— kellners gab Hr. Hofſchauſpieler Wothe als Gaſt und lieferte eine Szene die allgemeine Senſation erregte. Er er— hielt lebhaften Applaus.— Dieſer aus- gezeichnete Mime ſezt ſeine Gaſtrollen auf hieſiger Bühne mit dem entſchie—⸗ denſten Glüke fort. Außer als Vatel in der Poſſe:„Ehrgeiz in der Küche“,
wo unſer Gaſt das Publikum wieder— holt erheiterte und zu den lebhafteſten Beifalls⸗Bezeigungen hinriß, gelang es ihm beſonders auch in einigen ſoge— nannten Verkleidungsſtüken, wie in Kotzebues„Schauſpieler wider Wil— len“, in Caſtellis„Domeſtikenſtreiche“ die Lachluſt in hohem Grade zu erre— gen. Daſſelbe war auch als Crescendo, in Herzenskrons„Gang ins Irren- haus“ der Fall. So verſchiedenartig die darzuſtellenden Charaktere auch ſind, ſo hatte jeder doch eine eigene Farbe und eine eigene Geſtaltung, die ſich als gleich wirkungsvoll und als gleich ergözlich erprobten. Der Humor des Hrn. Wothe iſt kein gemachter, er ent⸗ ſteht aus innerer Regung und hat die Natur zur Baſis. Der Beifall, den dieſer treffliche Künſtler ſtets erhält, iſt eben ſo groß als verdient. Er wird auch meiſt von ſeinen Umgebungen nach Kräften unterſtüzt. Nur ſchien über der neulichen Darſtellung des treff— lichen Luſtſpiels:„Stille Wäſſer ſind betrüglich“, in welchem Hr. Wothe den Baron Wiburg gab, kein günſtiges Geſtirn gewaltet zu haben. Selbſt der geſchäzte Gaſt war nicht ganz auf ſei— nem Plaze.— Erwähnen müſſen wir noch, daß eine komiſche Szene aus der Parodie:„die Tochter der Luft“, die zwiſchen zwei Stüken, in welchen Hr. Wothe ſpielte, gegeben wurde, einen höchſt komiſchen Effekt hervorbrachte. Hr. Seydl und Dem. Dopler(die neu engagirte brave Lokalſängerin) waren aber auch ungemein drollig. P.
Korreſpondenz.
Prag(19. Juli). Lezten Sonntag verſammelte das Stern- oder Margarethen-Feſt eine bedeutende Menſchenmaſſe, von der Viele ſich der Prager fürſtlich Fürſtenberg'ſchen Ei— ſenbahn— die bis nach Puͤrglitz führt,


