Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
435
 
Einzelbild herunterladen

435

pfiffiges Geſicht haben, weil es ſich vermuthen läßt, daß ihn ſein Herr oft zu ſchwierigen Aufträgen verwendet; iſt die Szene in einem Wirths hauſe, oder iſt der Mann Portier, dann darf er immerhin mit der Viſage eines Bau⸗ ernlümmels auftreten, denn der Hauptcharakter dieſer Menſchengattung bleibt unverändert zu allen Zeiten und in allen Weltgegenden die Grobheit!

»Ich erſtaune, du haſt ja das Amt eines Aufwärters in allen Beziehun⸗ gen ſo gründlich ſtudirt, daß du darin den Regiſſeurs Lektion geben könnteſt!

Was iſt ein Regiſſeur? Ein Mann, der mit der Brille auf der Naſe und dem Manuſkripte in der Hand, wie ein Stellwagen, beſtändig zwi⸗ ſchen Garderobe und Bühne hin und wider reuͤnt, um die Herren und Damen in ihrer freundſchaftlichen Konverſation über die Liebe des Nächſten wodurch ſie ſich zu ihrem Auftreten ſtatt des Rollenſtudiums lobenswerth vorbereiten ungalant zu unterbrechen, und ſie auf das Schlagwort aufmerkſam zu ma⸗ chen? ein Mann, der dem Dekorateur und dem Maſchiniſten das Zeichen gibt? das iſt eine taube Nuß, eine Schale ohne Kern; aber der Geiſt, Herr, die Liebe zur Kunſt, wenn die nicht im Individuum ſteken, dann wer den zum Schreken des Publikums in einer grauenvollen Felſenſchlucht ele gante Möbel figuriren, in einem Salon ungeheure Eichen aus dem Parket⸗ boden wachſen, und der Vorhang der ſchönſten Bravourarie den Hals brechen!

Ich mußte dem Manne recht geben, der auf der Bühne beſſer zu Hauſe war als mancher Direktor. Mir iſt er ein unentbehrliches Weſen, denn ich zähle mich zu den Theat erfreunden, und er wußte mir den Erfolg eines Stü⸗ kes immer beſſer voraus zu ſagen, als der Barometer die Witterung. Ich kannte ihm wie man im Leben zu ſagen pflegt an der Naſe an, wenn er des Morgens mit den blankgepuzten Stiefeln hereintrat; ſie waren immer glänzend wie der Pharus von Alexandrien, wenn er wichtige Nachrichten von Thaliens Tempel zu verkünden hatte.

Nun, Hermann, was gibt es heute Neues in der Welt?Neues? daß ich nicht wüßte doch ja, wir geben heute ein neues Stük. Die Leſer werden bemerken, daß mein Dramaturg, wie die Könige und die Rezen⸗ ſenten, in der mehrfachen Zahl ſpricht.

Soll' ich mir etwa eine Loge beſtellen?

Hm, ja! wenn Ew. Gnaden ein Freund von Spektakel ſind? Das Stük hat alle modernen Eigenſchaften. Zum Erſten: Keine Handlung, ein Ding, um das ſich unſre heutigen Theaterdichter nicht zu kümmern brauchen. Man geht heut zu Tage nicht ins Theater, um Geſchichten abzuhandeln, man erlebt Geſchichten genug zu Hauſe; man will ſich ſatt lachen, und nichts wei ter! Zum Zweiten: Einige Ausfälle auf Nezenſenten, Dienſtboten und reiche Leute; eine gute Portion Zweideutigkeiten, welche eigentlich ſchon keine Zweideutigkeiten mehr ſind. Drittens: Ein Halbduzend neue Dekoratio nen, Divertiſſements, wobei ſich die Solotänzerinen die Füße ausrenken, wo von die Zuſeher gerne Einſicht nehmen, und endlich iſt das Stük von einem neuen Dichter der ſich von der Direktion 100 Freibillete ausgebeten hat, weil ſeine Feinde eben ſo viele Ziſcher ins Parterre ſchiken; es wird alſo, ohne Zweifel, ein Mordſpektakel geben

(Fortſezung folgt.)