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der Himmel über mir mit furchtbarem Getöſe ein, und erſchlug mich— nicht, denn ich hörte inmitten des Gepolters der in Nichts zuſammenſtürzenden Welt, den wohlbekannten Huſten eines unheilbaren Lungenfüchtigen. Hoch erfreut, in dieſer Nacht von Graus und Tod noch einen menſchlichen Laut zu vernehmen, rief ich:„Wer— wer iſt das 2— 1
„Ich habe die Ehre Euer Gnaden unterthänigſt einen guten Morgen zu wünſchen!““ J
Die Stimme war mir bekannt, und verſezte mich plözlich aus den Ge— fielden des Traumes auf die Erde, auf welcher ich lag, ſammt Seſſel, Tiſch und argandiſcher Lampe, welche ich bei meinem Sprunge in den Niagara mit⸗ genommen hatte.—„Hm, biſt du es, Hermann, mein Stiefelpuzer?“« fragte ich, und eilte dem Klopfenden zu öffnen.—
„Bins, Hermann, Ihr Stiefelpuzer, und komme zu fragen, wie Euer Gnaden geſchlafen haben?“
„Geſchlafen?— vielleicht auch geträumt?“— murmelte ich lächelnd, während ich leichten Athem ſchöpfte, daß ich den Boa Konſtriktors und Sipp⸗ ſchaft glüklich entgangen war—„aber, ſage mir Hermann, was haben wir beute für Wetter?“— 5
„Ich möchte eigentlich mit Eilmann ſagen, es regnet, aber ſchlechtes Wetter iſt doch immer beſſer als gar keines!“—
5„Hermann, du drükſt dich für deinen Stand ſehr gut aus, man wäre verſucht dich für einen Literaten oder Schauſpieler zu halten.“
„Euer Gnaden wiſſen, daß ich in meiner Jugend viele Paſſion für's Theater hatte, als ich noch zur Schule ging, hatte ich ſchon meine Rolle von irgend einem Haustheagter im Sake, und jezt bin ich ja ein Stük von einem dramatiſchen Künſtler, indem ich das ſchwierige Amt eines Aufwärters in unſerm Theater blos aus Liebe für die Kunſt übernommen habe, und da bleibt denn ſo Manches— wie Scholz ſich etwa ausdrüken würde— unwillkürlich piken!“
„Schön, Hermann, aber ich verſtehe nicht, was du da für eine Liebe für die Kunſt hegſt, wenn du Tiſche und Stühle auf der Bühne rangirſt?“
„Bär Miſfion!— das verſtehen Er. Gnaden nicht, das iſt mein Fach! Ein Stuhl am unrechten Plaz, kann das rührendſte Trauerſpiel ruiniren— das iſt ein eigenes Studium. Könnte ich nur ſo recht mit dem Schrerben um— ſpringen, wie unſre Herren Theaterdichter, die ſo leicht ihre Geſchöpfe auf die Welt ſezen, und wie die Kazen des Jahres ihre zwanzig Jungen werfen — ich würde Vorleſungen über die Kunſt, Tiſche und Seſſel auf der Bühne mit Anſtand auf- und abzutragen, halten. Ein Aufwärter, wie er ſein ſoll, muß das ganze Stük ſo auf den Punkt inne haben, wie der Schauſpieler, denn er hat ſeine Rolle darin ſo gut wie der. Er muß wiſſen, ob er einen bürgerlichen Diener oder den Bedienten einer hohen Herrſchaft vorſtellt, ob er der Kellner eines Gaſthofes oder der Bauernknecht einer Hütte ſei; welche Abſtufungen von dem feinen Anſtande des Monſieur Jean, bis zum ungeho⸗ belten Rüppel in der Branntweinkneipe— Hamlet und Lumpacivagabun⸗ dus!— Er muß ſeine eigene Miene für's Trauerſpiel und eine aparte für die Komödie haben.— Was für einen unangenehmen Eindruk würde es aufs Pu⸗ blikum machen, wenn er im Trauerſpiele ſeine Tiſche und Stühle mit lachen⸗ dem Geſichte rangirte?— Der Aufwärter der Intrigants, muß ſelber ein


