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Dem. Lutzer konnte ihre Abſchiedsworte des Dankes an das Publikum aus Nüh⸗ rung, indem ſie laut weinte, nicht zu Ende ſprechen; ſie war dergeſtalt ergriffen, daß ſie einer Unterſtüzung bedurfte. In den lezten Tagen vor ihrer Abreiſe ſang ſie in Vellinis„Nor— ma“ u. Spohrs„Jeſſonda“ die Titel Parthien mit einer ungemeinen Vir— tuoſität. Dieſe zwei Opern, erſtere eben ſo klaſſiſch in der italieniſchen, als leztere in der deutſchen Muſik, er⸗ regen nicht allein durch Arien, als vielmehr durch die Duetten ihr gro— ßes Intereſſe; unſer hoher Genuß be—⸗ ſtand daher im Lauſchen auf die bei⸗ den herrlichen, gleichſam für einan⸗ der geſchaffenen Stimmen der Künſtle— rin Lutzer und Podhorsky, die wahr- haft zum Entzüken und zur Bewunde— rung hinrißen; zudem die ſonore Stim⸗ me des Baritoniſten Pöck als Triſtan, u. ich glaube, der Direktor Stöger hätte nur mit dieſen zwei Opern,„Norma“ und„Jeſſonda“, bei dieſer Beſezung eine Reiſe durch ganz Europa machen können, und er würde gewiß allgemeine Senſation erregt haben, nur hätte er bei guter Gelegenheit einen andern Sever und einen andern Nadori ein- tauſchen müſſen.— Nun, da Dem. Lutzer unſerer Bühne entfremdet iſt, ſo müſſen wir unſere Aufmerkſamkeit einer andern Sängerin ſchenken, und zwar einer Sängerin vom Königsber— ger Theater, Dem. Groſſer, welche engagirt werden ſoll. Sie iſt bereits als Julie, in der Oper die„Montecchi und Capuletti“ aufgetreten. Eine Ge⸗ ſtalt von der ſchönſten ebenmäßigen Form, mit edlen Geſichtszügen, kraft⸗ und klangvoller Stimme, mit hoher Lage, die jedoch wenig ausgebildet iſt, aber die gute und ſehr beachtenswerthe Eigenſchaft beſizt, den Ton ſicher an⸗ ſchwellen und allmälig verſchwiuden zu loſſen; auch fehlt es ihr nicht an Ge⸗
male, Dem. Groſſer berechtiget zu den ſchönſten Hoffnungen, um ſo mehr, da ſie als Sängerin in der Blüte ihres Alters iſt und kaum über 22 Jahre zählen kann; die Acquiſition wäre eine glükliche zu nennen.— Dem. Groſ⸗ ſer wurde mit vielem Beifalle aufze⸗ nommen, ja ſogar überladen——. Möge doch unſer Publikum zu ſeinem eigenen Beſten einſehen lernen, daß die übermäßige Verſchwendung des Beifalls und des oftmaligen Hervorru— fens die leichteſte Veranlaſſung gibt, beim Künſtler Ueberſchäzung ſeines Ta⸗ lents, Eitelkeit u. übermüthigen Stolz hervorzuloken. Das Genre der Dem. Groſſer neigt ſich mehr zu ernſten und tragiſchen, als zu leichten und naiven Rollen, gewiß würde ſie auch hier zu einer beſondern Ausbildun, gelangen. Die Prager Bühne iſt bekannt als ei⸗ ne Schule für Sänger und Schauſpie⸗ ler,— und ihr Publikum als die Mut⸗ ter, welche ihre Kinder mit Zärtlich⸗ keit, Vorſicht und Geduld groß zieht, doch jene, wenn ſie an den mütterli⸗ chen Buſen erwachſen, und in der Kunſt die Großjährigkeit erlangt, ihr dank barlich——— den Rüken kehren (e'est tout comme chez nous. N.) z doch eine Ausnahme hievon machte un⸗ ſere Geſangskünſtlerin Mad. Podhors—⸗ ky.— Nächſtens über die morgen zum Erſtenmal als Zerline in„Don Juan“ auftretende jugendliche Sängerin, Dem. Triebenſee, Tochter unſers Kapellmei⸗ ſters, dann über das neuengagirte Sän— gerpaar Herr und Mad. Schuhmann von Ihrem Freimüthigen.
Mignon⸗Zeitung.
Breslau. Seit Kurzem befindet
ſich hier ein junger polniſcher Rabbi⸗ ner, Namens Hirſch Dänemark, 25 Jahr alt, welcher durch ſein bewun⸗


