Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
362
 
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unruhigſten Köpfe in der innigſten Verbindung mit ihr ſtanden, ſo wußte ſie durch ihren Einfluß immer den gehörigen Anſtand aufrecht zu erhalten.

Im Speiſezimmer ſaßen zwei Gutsbeſſzer traulich an einem Fenſter bei ſammen; der eine ſchon in gewiſſen Jahren, der andere ein junger Mann mit einem Knebelbart. Lezterer rauchte eine Zigarre und der erſtere wartete, da alle Tiſche beſezt waren, bis er Plaz zum Abendeſſen finden könne.

Wiſſen Sie wohl, Iwan Pawlowitſch, daß ich einen neuen Nachbar habe! ſagte der junge Mann.Der Beſizer von Sokatajewo iſt aus Peters⸗ burg angekommen, um dort zu leben

Was! der Sohn des verſtorbenen Alexander Schelkoff, Michalla iſt auf ſein Gut gezogen? rief der ältere Herr mit Erſtaunen und lebhafter Freude aus.

Er ſelbſt! erwiderte der junge Knebelbart;es iſt übrigens ein lee

rer, und wie es ſcheint, zänkiſcher Patron. Meine Bauern hatten ſeit un denklichen Zeiten in ſeinem See gefiſcht, nun aber hat er es ihnen verboten. Noch mein verſtorbener Vater hatte auf ſeinem Grunde gejagt und jezt er⸗ laubt er es nicht mehr! Dazu ſpielt er den Vornehmen! Noch hat er Nie manden beſucht: wie es heißt, ſchämt er ſich vor den Leuten. Es ſoll ihm von ſeinem väterlichen Vermögen nichts weiter übrig geblieben ſein, als Sakatajewo mit 200 Seelen. Der gute Herr hat brav gewirthſchaftet! Seine Frau ſoll ſehr ſchön ſein wenn das nicht wäre, ſo würde ich ihm wahrlich freund- nachbarlichſt zu Leder ſteigen. Ich würde ihn ſchon zu zwingen wiſſen, mir ſeine Haſen und Füchſe auf den Händen zuzutragen. *Laß ihn in Frieden, Platon Stepanowitſch! ſagte der ältere Mann; unſer Nachbar iſt ohnedies unglüklich. Wahr iſt es, daß er einen großen Theil ſeines väterlichen Vermögens verlor, was aber noch übler iſt, er verlor es durch ſeine eigene Schuld; dabei iſt er doch ein rechtlicher Menſch von Herz und Verſtand. Sein Schikſal verdiente gedrukt zu werden zur Warnung für junge Leute, die als Waiſen mit Gerd in Händen und mit einem gehörigen Vorrath von Eitelkeit in die Welt treten. Ihr Nachbar Michaila Alexandro witſch Schelkoff ward in einer modiſchen franzöſiſchen Penſions-Anſtalt mit Kin⸗ dern von Leuten erzogen, die von höberem Range waren, wie ſein Vater. In dieſer Penſtons-Anſtalt kümmerte man ſich nicht viel darum, den jungen Leu ten eine gute Moral einzuflößen, und ihre Herzen auszubilden: mithin war es kein Wunder, wenn viele von ihnen Taugenichtſe wurden. Unſer Mi⸗ chaila hatte eine Leidenſchaft, mit vornehmen Leuten umzugehen. Wenn er ſich Gefährten ausſuchte, ſo ſah er nicht auf Verſtand und Herz, ſondern nur auf Nang und Titel. Ehrſucht unterdrükte in ihm alle lobenswerthen Eigenſchaf ten und führte ihn ins Verderben. Seine Freunde aßen und tranken bei ihm, plünderten ihn aus und verkauften ihn zulezt an Spieler von Vrofeſflon, in dem ſie in ihm die Leidenſchaft zum Kartenſpiel erwekten. Glüklicherweiſe kam er noch zur Beſinnung, wiewohl erſt etwas ſpät. Die Liebe rettete ihn vom völligen Untergange. Er verliebte ſich in ein armes Mädchen, heirathete ſie, entriß ſich allen ſeinen Verbindungen und beſchloß, um jede Verſuchung zu vermelden, ſich auf ſein Gütchen zurükzuziehen. Gott ſei Dank, daß er es ausgeführt hat! Veiläufig muß ich Ihnen ſagen, daß mein Neffe, Konſtantin, daſſelbe Mädchen, nämlich die jezige Gattin Schelkoff's, gleichfalls liebte.