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nehmen; da ſezts aber einen Streit ab, denn die Hebamme will das gute Weib durchaus nicht von ſich laſſen. Ueber eine Weile reiſt der Doktor nach L., um zu ſehen, wie es mit dem Geld ſteht: wie er wieder heim kommt, will er dem Bettelweib ſeinen ſchuldigen Dank abſtatten mit dem ſpaniſchen Rohr auf den Bukel, allein das Weib hat keinen Dank verlangt, und war einige Stunden vorher mit Sak und Pak ausgezogen, ohne daß ein Menſch wußte wohin. Die Erben haben jezt ellenlange Geſichter geſchnitten, als ſie durch den Herrn Doktor erfuhren, daß; das Vettelweib keinen Kreuzer Ver— mögen beſize, und ihnen allen eine derbe Naſe gedreht habe. Der Herr Ak— tuarius hat von den Erben die Schreibegebühren verlangt, die aber haben ihn auf die Erbſchaft vertröſtet. Darauf haben ſie ſämmtlich einen Kontrakt auf— geſezt, daß Keiner ein Wörtchen von der ſauberen Erbſchaft verrathen wolle. Wir ſind ſo glüklich geweſen, eine Abſchrift von dieſem Kontrakt zu erhalten. Das Bettelweib iſt in M. eingefangen worden, und hat geſtanden, daß ſie, um beſſer gepflegt zu werden, zu dieſer Nothlüge habe flüchten müſſen. Wenn die Erben die Prozeßkoſten nicht ſcheuen, können ſie das Weib wegen Ent, ſchädigung belangen.
Wenn dir vielleicht, lieber Leſer, dieſe Bettelweib-Geſchichte mehr als ein Gaunerſtreich erſcheint, als daß du daraus für dich eine gute Lehre zu ziehen weißt, ſo wollen wir dir eine Anekdote anderer Art erzählen, vielleicht daß ſie dir frommen mag.
„Ein reicher Kaufmann hatte die Handlung aufgegeben, und unter ſeine beiden vortheilhaft verheiratheten Töchter ſein ganzes Vermögen vertheilt, ſo daß er ſich nichts weiter vorbehielt, als das Recht, ſich ein halbes Jahr bei der einen und das andere halbe Jahr bei der anderen aufzuhalten, bis an ſein ſeliges Ende. Ehe noch das erſte Jahr abgelaufen war, merkte der gute Vater ſchon recht deutlich, daß er den beiden Töchtern ein ſehr läſtiger Gaſt ſei, und daß es jede ſatt hatte, den Alten unnüzer Weiſe füttern zu müſſen. Der Vater ſtellte ſich, als merke er das nicht, und miethete ſich eine eigene Wohnung; hierauf vertraute er einem guten Freunde ſeine ſchlimme Lage, und bat ihn, daß er ihm auf einige Stunden 10,000 Gulden borgen möchte. Der Freund war nach genommener Abrede gerne dazu bereit. Der Kaufmann ließ nun den folgenden Tag ſeine beiden Töchter mit ihren Männern zu Mit- tag einladen. Eben als man abgeſpeiſt hatte, kam ſein Freund, äußerſt ge— ſchäftig thuend, und fragte ihn, ob er ihm nicht mit 10,000 Gulden aus ei— ner augenbliklichen Verlegenheit helfen möchte. Der Alte verſicherte, daß er wohl auch noch mit mehr aushelfen könne, ging in ein Nebenzimmer, und brachte die verlangte Summe. Wie die Töchter merkten, daß der Vater noch ſo viel Geld im Hintergrunde habe, waren ſie auf einmal ganz verändert; ſie wollten durchaus nicht zugeben, daß er in der eben gemietheten Wohnung län— ger bliebe, ſie wußten nicht, was ſie ihm alles Liebes und Gutes erweiſen ſollten, und jede wollte zuerſt die! Ehre haben, den lieben Vater in ihrem Hauſe zu verpflegen, und es gab großen Aerger, wenn er ſich nur einen Tag länger bei der einen als bei der andern aufhielt. In dieſer angenehmen Lage lebte er mehrere Jahre. Nach ſeinem Tode, als ſein Geldkaſten eröffnet und leer befunden wurde, gerlethen beide Schweſtern einander in die Haare, weil die eine klagte, daß die andere, in deren Hauſe der Vater geſtorben war, das


