Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
260
 
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unſer volles Lob nicht verſagen können, ſo hätten wir zu der feſten und kalten Berechnung des Künſtlers auch hie und da etwas mehr innere Bewegung, eine nicht gar zu ängſtlich vermledene Auf⸗ wall ung gewünſcht, wie es doch dieſe ſo meiſterhaft nüancirte Rolle, beſonders in den Hauptzenen des dritten und vierten Aktes erheiſcht. Indeſſen iſt es nicht zu verkennen, daß es nur in dem Wil⸗ len des Hrn. Deſſoir liegt auch dieſer Forderung zu genügen. Unmöglich kann ihm die gehörige Wärme ermangeln, nur opfere er ſie nicht aus zu geſuch ter Moderation. Dies abgerechnet war es gewiß eine ſehr werthvolle Leiſtung, der das gebildete Publikum die vollſte Anerkennung ſchenkte. Mad. Kalis⸗ Padjera gab die Donna Diana, und bewegte ſich in einer ihrem gewöhnli chen Fache ziemlich fremden Sphäre. Aber die wahrhafte Kunſt iſt überall zu Hauſe, zu welchem Axiome die ſchäz bare Künſtlerin einen neuen Beleg lie ferte. Stolz und Liebe, zwei gegen einander heterogene Leidenſchaften, beide richtig zu markiren, zu ſondern und in Eins zu amalgamiren erfordert eine tiefe Einſicht und ein ſicheres Eindrin gen in die pfychologiſche Region des Lebens. Mad. Kalis zeichnete uns den Stolz, Anfangs, als er noch iſo lirt da ſtand, zwar etwas zu ſeriös und auf eine Weiſe, daß er faſt an Hoffart ſtreifte, ſo daß die zarte Weiblich⸗ keit in Etwas beeinträchtigt wurde, was uns ſchon für den glüklichen Fort⸗ gang der Rolle beſorgt machte; aber von dem Augenblik an, als ſich zu dem Stolze auch Liebe einzuſtellen begann, gewann die Leiſtung an poſitivem Wer the, und erreichte ihre Kulmination, als noch die dritte Leidenſchaft: Eifer ſucht hinzu kam. Mad. K. P. war ganz Empfindung, ganz Gemüth, ganz durchdrungen von den Zerwürfniſſen ihres Herzens und wie ſie ſich dem

Feuer der Deklamatlon, der Gewalt der Worte hingab, vergaß ſie die Rich⸗ tigkeit und die Regeln der Kunſt nicht, um ihrer Schöpfung ganz das Gepräge des Gerathenen aufzudrüken. Voll ekla⸗ tanter Wirkung war jene berühmte Szene im dritten Akte mit Don ſar, wo ſie dieſen bereits beſiegt glaub te und ſchmerzlich getäuſcht wurde. Daß dieſer Moment den Zuſchauer zu unwillkürlicher Schadenfreude ſtimmte, iſt eine Frucht ihres lebendigen Spiels; eben ſo riß ſie in den lezten Szenen des vierten Aktes Alles zur unwider⸗ ſtehlichen Rührung und zum Mitge fühle hin. Gerechter Beifall ward der trefflichen Darſtellerin zu Theil. Hr. Kalis gab die dritte Hauptrolle des Luſtſpiels, den Perin. Perin iſt ein Ausbund der Schlauheit und Liſt, ein vollendeter Höfling, ein gewandter Intriguant u. Meiſter in der Verſtel⸗ lungskunſt, doch bei dem Allen gut- müthiger Natur, der ſeinen Wiz, ſel⸗ ne Laune, ſeine fein ausgeſponnenen Intriguen nur zu löblichen Zweken verwendet. Er iſt Diener und Ver⸗ trauter hoher Perſonen und es ge hört eine beſondere Geſchliffenheit dazu, um das richtige Maaß zwiſchen beiden Stellungen zu behaupten. Hr. Kalis ver ſtand das Leztere vollkommen. Er vergaß nicht ſeine ſubalterne Voſition, wenn er vertraut mit der Gebieterin oder Don Cäſar konverſirte, ward nur dann etwas kühner und familiärer, wenn er ſah, daß es ihm durch ſeine Ueberlegen⸗ heit an Mutterwiz gelang, die Höberge ſtellten von ſich abhängig zu machen. Uebrigens verlezte er nicht den Anſtand durch übertriebene Geſten, ſo wie er überhaupt durchaus die erforderliche Ruhe behauptete. Etwas Quek ſil⸗ bernes verlangt immerhin dieſer Cha rakter, und Hr. Kalis verhlelt ſich dem gemäß in den betreffenden Momenten. Nur in der Deklamation hätten wir