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„Nein, nein,“ ſiel Viktor ein,„bedenke dir's erſt wohl; ich kann das Zimmer nicht noch einmal verlaſſen, ohne bei ihm Verdacht zu erregen. Dein jeziger Entſchluß muß darum auch dein lezter ſein.“
Sourdain gab noch einmal ſeinen Entſchluß kund, den Handel ohne Wan— ken abzuthun; ſie kehrten darauf in die Stube zurük und fanden hier Alexis in eifrigem, faſt ſtreitendem, Geſpräch mit Ogay, was ihn eben verhindert hatte, ſeine verlängerte Abweſenheit zu bemerken. Die Mordgeſellen ſprachen jezt dem Eſſen und Trinken waker zu, wobei Viktor dafür ſorgte, daß ihnen der Branntwein ja nicht ausging; und in weniger als einer Stunde befand ſich ihr Opfer nicht länger in einem Zuſtande, der irgend einen Widerſtand hätte beſorgen laſſen. Nun erhoben ſich Alle, zahlten ihre Zeche und ſchlugen die Richtung nach Forel ein. Alexis wurde von Viktor und Ogay geführt; denn der älteſte Gavin hatte der Flaſche ſo übermäßig zugesprochen, daß er ſelbſt eines Leiters bedurft hätte. Sourdain übernahm es, vorauszugehen und den Nachen nach einer kleinen dicht bebüſchten Einbucht an einem unbeſuchten Theile des Geſtades herumzurudern, wohin dann Brutſchy über die Felder weg auch die Uebrigen führen ſollte. Sie ſchlugen ſich deshalb von der Straße ab links und erreichten, langſam zwiſchen einzelnen Unterholzſtreken und Baum gruppen niederſteigend, die Stelle, kurz nachdem Sourdain mit dem Nachen dort angelangt war.
Brutſchy ſtieg nun in den Kahn und Viktor und Ogay halfen ihm und ſeinem Kameraden Alexis in den hintern Theil des Fahrzeugs legen, wo er auch wie ein ſchon Todter liegen blieb. Die Schiffer ſtießen ab und tauchten ihre Ruder ſo geräuſchlos und verſtohlen in das Waſſer, als bange ihnen vor dem leiſeſten plätſchernden Laut; ihre drei Verbrechensgenoſſen aber ſtanden inzwiſchen hart am Seer ande, mit ängſtlich wachſamen Bliken dem Schifflein folgend, das mehr und mehr zuſammen ſchwand, bis zulezt das Auge umſonſt nach ihm auf dem weiten Waſſerſpiegel ausſuchte. Immer aber noch ſchauten Viktor und ſeine Gefährten dorthin, wo es, einem Nachtgeſpenſte gleich, ver— ſchwunden war. Keiner ſprach ein Wort mit dem Andern. Ein geheimes Fürch— ten und Grauſen kam über ihre Seelen. Vöſe Geiſter ſchienen um ſie— in ihnen zu weben. Sie bebten in kaltem Schauer; ihre Züge wurden lang; in lhrem Hirn brannte es wie Flammenglut. Doch fort und fort hielten ſie ihr Auge ſtarr auf denſelben Punkt geheftet. Endlich zeigte ſich ihren faſt müde geblik— ten Augen ein ſchwarzer Fleken auf dem See— wie ein dunkles Wölkchen tauchte es auf aus ſeinen Tiefen. Es bewegte ſich gegen ſie her; wuchs von Sekunde zu Sekunde an, wälzte ſich wie Pechqualm der Hölle, Mord— Mord in ſeinem Schoße bringend, die mondbeglänzten Waſſer entlang. Der Wurm, der nimmer ſtirbt, erwachte bei ſeinem Näherkommen. Sie blikten auf's Boot— ſein Hintertheil war leer— zwei Höllengeiſter ſchienen die Ru— der zu lenken. Es ſchwamm zum Geſtade; und langſam heraus an's Ufer ſtieg Sourdain und begehrte mit hohler Stimme den Blutlohn.
„Wo iſt er?“ fragte Biktor mit wildem Tone.
„D'runten auf'm See, Ihr Herren,“ verſezte Brutſchy.„Wir faßten ihn an den Armen und Beinen und warfen ihn, da er viel zu betrunken war, um ſich irgend zu Wehr' zu ſezen, ohne große Mühe in's Waſſer, wo er un terſank wie ein Steinblok.““
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