Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
249
 
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Mpiegel

für

Kunst, Eleganz und Mode.

* 56 hitter Sehe aug i

32. Sonnabend, 22. April. 1837.

Das Strafhaus in Lauſanne. (Fortſezung.)

Viktor und Ogay wanderten mittlerweile hinaus nach dem Dörfchen Fo rel am Rande des Sees und begannen, langſam das Geſtade entlang wandelnd, die Geſichter der Schiffleute ſpähend zu beſchauen, um ſich wo möglich den rechten Mann für ihren Plan herauszufinden. Endlich bemerkten ſie in einem kleinen leichten, nach Landesart ſcharf an beiden Enden zulaufenden Nachen einen Mann von mittleren Jahren, deſſen Züge ihnen gefielen. Es war eine faſt zum Erſchreken magere Geſtalt, mit hoher Stirn, blauen Augen und ei ner Adlernaſe; die blaſſen äber den Zähnen eingeklemmten Lippen aber und das leicht verſchobene ſpizige Kinn ſchienen ein Vorherrſchen der böſen Neigun⸗ gen und Richtungen des Gemüths über die guten anzuzeigen. Sein Anzug war der allerärmlichſte überall mit andersfarbigen Lappen ausgeflikt und zu kurz für die knochige lange Geſtalt. Ein runder, niedriger Wachstuchhut be dekte, nachläſſig aufgedrükt, das Hinter haupt, während die kahle, gefurchte, erzbraune Stirn den Sonnenſtrahlen ausgeſezt blieb. Er ſchien in Gedanken verſunken; denn als er vom Lande her die anrufenden Stimmen von wie er meinte Ueberfahrtluſtigen hörte, fuhr er aus ſeiner Träumerei auf und rief:Steiget ein, Ihr Herren; mein Kamerad wird gleich hier ſein.

Nicht ſo, Freund, ſagte Viktor,wenn du aber dein Geſchäft auf eine kleine Weile liegen laſſen kannſt, ſo hätten wir wohl ein paar Worte am Lande mit dir zu reden.

Oh, wenn's weiter nichts iſt, verſezte der Schiffer und ſprang an's ufer,'s Geſchäft iſt bei mir ſeit einiger Zeit ſo arg ſchlecht gegangen, daß mein Nachen ſchier ungebraucht im Waſſer fault. Da ſiz' ich nun, wo Ihr mich geſehen habt, vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend, ohne auch nur einen Bazen zu verdienen; und dann ſoll ich mit leerer Taſche einem halbver⸗ hungerden Weihe und Kinderhäuflein vor's Geſicht treten?!

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