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und habe mich deshab am eine heimliche Unterredung mit Leonoren bemüht, um zu erſabren, auf welche Art Ihr einander noch ſprechen könntet: alleln ſie wußte keinen Rath: es ſeien In ihrem Hauſe, ſagte ſie mir, zwei Gendarmen verſtekt und noch andere, ihre Beweg ungen zu bewachen, aufgeſtellt, ſo daß ſie keinen Schritt thun könne ohne dieſe lauernden Nachtreter.„Sagen Sie ihm,“ trug ſie mir auf,„er ſolle ſein Leben zu erhalten ſuchen— um meinetwillen; wohin er auch gehen möge, mein treues Herz folgt ihm, und, wenn er es verlangt, folge auch ich ihm bis an's Ende der Welt.“
„Genug, Viktor, ich bin bereit; laßt uns gehen.“
Von Allem, was Viktor hier geſagt, war auch nicht ein Wort wahr; allein da ihm die Ehre der Familie einen Mord als eine Rechtspflicht zu heiſchen ſchien, wie hätte er da vor dem geringern Vergehen einer Lüge, wenn ſie in einer ſo guten Sache zu Hilfe genommen ward, zurük ſchreken ſollen!
Auf Viktors Verlangen legte Alexis ſeine beſſere Kleidung ab und ver— mummte ſich in die plumpe Tracht des dortigen Landvolks— einen blauen ſuhrmannsartigen Kittel oder Ueberwurf und eine häßliche Schlappmüze,— ſo daß er wohl hoffen durfte, unentdekt durchzukommen in einem Lande, deſſen Bewohner ſich im Allgemeinen nicht eben durch Scharfſicht und geiſtige Reg⸗ ſamkeit auszeichnen.
Mit trübem, ahnungsſchwerem Herzen ſagte Alexis dem Vaterhauſe Le— bewohl; ſchlüpfte dann mit ſeinen Mördern durch den Garten in eln enges Hin— tergäßchen, von wo aus ſie ihren Weg über die Felder nahmen, da ſte die Landſtraße wenigſtens auf eine bie zwei Stunden zu vermeiden wünſchten.
Bald nach Tagesanbruch, als ſie die Grenzen des Kantons hinter ſich hatten, machten die Wanderer Halt, um zu frühſtüken. Viktor, Gavin und Ogay, von dem Schauderwerke, das ſie vorhatten, wenig angefochten, langten herzhaft von den Semmeln und Eiern, dem Honig und der friſchen Butter zu, die ihre Wirthe ihnen vorſezten; Alexis aber mußte von dem fruchtloſen Bemühen, ſelbſt nur wenige Tropfen von dem Kaffe zu genießen, abſtehen, ſo beklommen und ſchmerzgedrükt war ihm: Ohne weiteres Verweilen brachen ſie, von der Beſorgniß unmittelbarer Verfolgung jezt befreit, nun wieder auf.
Nach ihrer Ankunft in Eſtavoyer gingen ſie in ein kleines Wirthhaus und beſtellten Erfriſchungen und dann verließen Viktor und Ogay das Haus, indem ſie den Oheim bereits in ſeiner Rolle unterwieſen hatten; und nach der Art, wie er ſie ſpielte, ſchien er bei all' ſeiner Rauhigkelt und Derbheit kein Jünger in der Verſtellungskunſt zu ſein. Liſtig und geſchikt ſeines Neffen Gedanken auf einen angenehmen Gegenſtand überleitend wußte er ihm, indem er ihn mit Hoffnungen einer baldigen Wiedervereinigung mit ſeiner Ge— liebten unterhielt, zwei bis drei Gläſer Wein aufzudringen, deren Wirkung durch das vorhergegangene Faſten des jungen Mannes noch bedeutend erhöht ward. Mehr und mehr, wie ihm der würzige Feuerwein ſinnbetäubend hinab—⸗ glitt, wichen die drükenden Geiſter der Schwermuth von ihm und lebendige wohlthuende Bilder umgaukelten ſeine Phantaſie.
(Fortſezung ſolgt.)


