Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
242
 
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242 Das Strafhaus in Lauſanne.

(Fortſezung.)

Viktor ging daher kühn mit der Sprache heraus.Alexis Gavin, hub er an,hat Einen umgebracht; ſein Tod iſt nach den Geſezen unſeres Landes eine Forderung des Rechts; ſein Leben iſt alſo verwirkt; und jeder Augen⸗ blik ſeines Daſeins ein Vorwurf für die Gerechtigkeit. Es iſt aber weder ge⸗ recht noch nothwendig, daß der Unſchuldige um des Schuldigen Willen leide. Und doch wird, wenn dieſer Mörder der Rache des Geſezes ausgeantwortet wird, wenn man die vorläufige Verhaftung, die Einkerkerung, die Unterſu⸗ chung, die Aburtheilung und die Hinrichtung auf öffentlichem Schaffot wenn man dies Alles vor ſich gehen läßt, jedes Mitglied dieſes alten Geſchlechts von der Schande getroffen werden wird, als der Angehörige, wo nicht gar als der Mitſchuldige, eines Mörders gebrandmarkt ſein. Alle Höllengeiſter der Ver leumdung, der frechen Nachrede, der beſchimpfenden Beleidigung, der enteh renden Schmach werden über uns losſtürzen; werden ſich an unſern bisher un beflekten Ruf hängen, den häuslichen Frieden, Achtung und jeden ehrenwer then Stolz aus unſern Wohnungen verſcheuchen, und nicht eher vom Verfol gen ablaſſen, als bis die Zeit unſern Namen aus den Geſchichtbüchern unſeres Landes weggetilgt hat; denn ſelbſt der Tod wird uns kein Schirm wider ſie ſein. Mir, in der That, wäre ein ſolches Ereigniß einem augenbliklichen To desſtoße gleich; denn nimmer würde ich auch nur eine Sekunde von dem Au genblik an länger zu leben vermögen, wo man mit dem höhnenden Finger der Verachtung auf mich weiſt. Mein Vorſchlag geht alſo dahin, daß wir den Vollzug der Geſeze in unſere eigene Hand nehmen. Er hat ſich ſchul⸗ dig bekannt; er ſter be!

Alle Anweſenden, mit Ausnahme des Vaters, gingen ohne Zögern auf Viktors Anſichten ein; nur daß ſie im nichtswürdigen Bemühen, ihre Gewiſ ſen zu beſchwichtigen, auf ihn die ganze Wucht der That warfen, wenn gleich Jeder in ſeinem Herzen an denſelben Plan gedacht hatte. Der Gedanke, den Sohn zu morden, um ihn von dem Geſez zu erretten, erſchütterte indeſſen doch einigermaßen Hrn. Gavin, und er ſchlug deshalb einen Mittelweg vor, der dem blinden Zufall den Streich zu führen überließ. Sein Plan war, den jungen Mann nach Neufchatel zu bringen und ihn hier zum Eintritt in den preußiſchen Kriegsdienſt zu nöthigen, wo er dann, wenn ihn nicht etwa eine Kugel im Felde traf, auf manche Jahre hinaus im bindenden Dlenſte des ge meinen Soldaten entfernt, keine Unehre über ſeine achtbaren Angehörigen bringen konnte.

Viktor und ſeine Meinungsgenoſſen thaten leichthin, als gingen ſie auf den Plan ein, worauf ſich der Vater, der ihre anſcheinende Zuſtimmung für eine zureichende Beruhigung ſeines Gewiſſens nehmen mochte, haſtig aus dem Zimmer entfernte und ſie nun nach Gutdünken ſich weiter mit einander berathen ließ, wiewohl ihm nicht entgangen ſein konnte, daß der Plan, Alexis unter die Soldaten zu ſteken, blos als ein Vorwand angeſehen und behandelt ward. Um indeſſen den Schein zu behaupten, als böten ſie zu ſeinem Vorſchlage be reitwillig die Hand, wurde von einem der Brüder Alexi's Geburtsſchein ver