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das ſich mit den ſüßeſten Erinnerungen paart und ſo tief im Herzen gewurzelt bleibt. Der Ruf, der dem 16⸗ſährigen Künſtler voraus— ging, war ein großartiger, europäiſcher, und ſchon dieſer veranlaßte bei ſeinem erſten Kon— zerte(am 14. d. M.) eine Theilnahme, wie ſie hier noch ſelten einer muſtkaliſchen Leiſtung geworden. Der kleine Redou— tenſaal war gedrükt voll und die Verſamm⸗ lung beſtand aus der faſhionabelſten Welt und aus den erſten Notabilitäten der beiden Nachbarſtädte. und ſo groß und ſo verſchie— den geſtimmt dieſes Auditorium auch ſein mochte, die Wirkung von Vieuxtemps Zau⸗ berbogen that ſich bei Allen gleichartig kund. In der Behandlung des ſchönſten Inſtrumen— tes bewährte der junge Meiſter die ſchönſte Himmelsgabe: einen ſchaffenden Ge⸗— nius. Nimmt unſer Künſtler die Violine in die Hand, ſo iſt er ſogleich Eins mit ſei— nem Inſtrumente; ſein Körper, ſeine Seele amalgamiſiren ſich mit den Saiten, die nun ein Lied anſtimmen, das uns in andere Sphären verſezt. Sollen wir Euch ſagen, wie Vieuxtemps ſpielt? Wir könnten alle Spithe— ta, die ſo ſtereotyp in der Beurtheilung mu— ſikaliſcher Produktionen geworden, in ſuper— lativen Doſis hier anwenden, und wir müß— ten faſt fürchten, zu wenig geſagt zu haben. Daher nur das: Vieuxtemps iſt in dem Me— chanismus vollendet, in der Bravour vollen— det und in dem beſeelenden Ausdruk vollen— det, und die vollendetſte Vollendung an ihm iſt, wie ſchön er dieſe Vollkommenheiten in eine zu verſchmelzen weiß. Er iſt ein Tau— ſendtünſtler in der Agilität ſeiner- Gelenke und ein einziger Künſtler im Hervorzau— bern der Töne, die Empſindung zu Empfin— dung ſprechen laſſen.— Wie das Publikum das Alles aufnahm? Wir antworten, die Anweſenden in Maſſa waren gebildet, und großentheils kun ſt gebildet; aber wer auch nur Gehör und Gefühl ſein eigen nannte, war hingeriſſen von den Sphärenklängen, überließ ſich einem ſeeligen Vergeſſenſein, und, ganz Ohr für dieſe myſtiſchen und doch ſo himmliſch-ergreifenden Akkorde, dachte in die— ſem Augenblike beinahe Niemand an die hals— brecheriſchen Exerzitien, die mit deren Schöpfung unumgänglich verbunden ſein mußten.— Er ſpielte: 1. ein ſelbſt komponirtes Konzert; 2. in einer Phantaſie für Pianoforte und Vio— line von Benedikt und Beriot; 3. eine Air Vvarié, komponirt v. Ernſt. Alle dieſe Kom—
poſitionen boten Schönheiten in Fülle, aber
was ſind dieſe Schönheiten, gegen die Herr⸗ lichkeit, mit welcher ſie uns gezeigt wurden! — Tiefe Stille herrſchte während des Vortra⸗ ges des jungen Virtuoſen, kein Laut wagte es, ſich in das begeiſternde Beben des Saiten⸗ ſpiels zu miſchen; ſelbſt die Influenza, die wenigſtens von der Hälfte der Anweſenden mit in den Saal gebracht wurde, verſtumm⸗ te reſpektvoll faſt ganz; nur ſelten verurſachte ein Hüſteln, ein Nießen eine vorlaute Stö⸗ rung, und nur in den Intervallen, und bei den Detlamation- und Geſangspiecen machte ſich dieſe nun europäiſch- modern gewordene Halbkrankheit Luft und brach mit ihrer vollen diſtonirenden Gewalt aus;— vermochte aber doch nicht den donnernden Beifall und das unzählige Hervorrufen des Künſtlers zu ſtö— ren. Die Nebendinge des Konzertes erwäh— nen wir nicht, da ſie ſelbſt als Folie gegen die Leiſtungen des Künſtlers zu ſehr im Hin- lergrunde geſtanden. Aber die Gerechtigkeit erfordert es, der Fräulein Henriette Washmi— titius zu gedenken, die hier zum Erſtenmale öffentlich auftrat und die in der Phantaſie für Pianoforte und Violine ihren Theil auf dem Piano mit einem höchſt erfreulichen Ta— lente durchführte, ſo daß ſie ſelbſt an der Seite des unübertrefflichen Bewunderung und Theilnahme erregte. Hag.
Theatraliſches. Heute, den 18. Febr. findet, zur Beneſize des Herrn Kalis, die zwölfte Vorſtellung von Raimunds„Ver— ſchwender“ ſtatt. Mad. Kalis-Padiera wird an dieſem Abend zum Erſtenmgle die Fee Cheriſtane geben. Wir haben daher wieder ein übervolles Haus zu erwarten.— Demoiſ. Peroni hat unſere Bühne bereits verlaſſen. Sie begibt ſich vorerſt nach Wien, und un— ternimmt dann eine Kunſtreiſe ins Ausland. — Unter den neu engagirten Mitgliedern für unſere Bühne nennt man auch Hrn. Groh— mann.— Hr. Quandt ſoll, dem Vernehmen nach, neuerdings gewonnen ſein.— Madam Pohl-Beiſteiner, eine bekannte, verdienſtvolle Sängerin, iſt für unſere Bühne, von Oſtern 1837 an, engagirt.— Die Grippe, die in Peſth und Ofen ſo ſtark um ſich greift, hauſt nun auch beträchtlich bei unſerm Theaterper— ſonale. Etwa ein Drittel davon iſt mehr oder weniger damit behaftet, und dieſer umſtand dürfte ſehr nachtheilig auf unſer Repertoir wirken, und namentlich mehrere Vorherſagun— gen zu Nichte machen.
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