Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
98
 
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Wer die Leute ſo ſieht, hält ſie für die glütlichſten Menſchen unter der Sonne und ſie ſich ſelbſt ebenfalls; aber man denke an das Ende. Sind ſie ſo kühn, ſich in die Muſeen, die Konzerte, Bälle oder ine Schauſpiel zu wagen, ſo wird man ſie nöthigen, ihren Stok und verbunden damit 50 Cent. abzu⸗ geben, unter dem Vorwand einer Nummer, die ſie dafür bekommen und ſpä ter wieder abgeben. Die reinen, unſchuldigen Seelen glauben an die Treue der Verträge, durch die pappne Nummer dargeſtellt. Stets erfüllt von dieſem edlen Vertrauen, verlangen ſie beim Herausgeben für die Vappnummer ihren Stok zurük. Man gibt ihnen dagegen einen unedlen Stok, den ſie nicht annehmen wollen, ſie ſchreien, ſie ſtürmen, die Polizei kommt dazwiſchen, ſie geben das Signalement ihres Stokes und man begnügt ſich ruhig damit, das Signalement anzunehmen.

Zuweilen verliert man auch die Nummer; dann hat man das Vergnügen,

außer der Entſchädigung ſür den Verluſt der Nummer, den Stok zweimal zu kaufen. 5

Es kann aber auch kommen, daß man vergißt, von ſeiner Nummer Ge⸗ brauch zu machens dann verliert man nur den Stok, ohne nöthig zu haben, die Entſchädigung zu bezahlen.*

Zuweilen, aber ſehr ſelten, kommt ee auch, daß man wirklich gegen dieſes pappne Erkennungszeichen ſeinen eignen Stok wieder bekommt. Wir wollen dieſe glükliche Hypotheſe einmal annehmen. Man geht hinaus, und um die Handſchuhe anzuziehen, nimmt man den Stok unter den Arm; das Ende deſſelben aber ſtößt an das Ende der Naſe eines Mannes, der dahinter geht, dieſer wird ärgerlich und ſpricht von Narren. Den andern Tag geht man hin, um ſich zu tödten oder um zuſammen zu frühſtüken..

Leute, die viel haben, erfreuen ſich wohl drei und vier Tage deſſelben Stokes. Erſt nach ſo langer Zeit zerbrachen ſie ihn zwiſchen zwei Steinen oder auf dem Rüken eines Hundes, die nie aufhören, ſie zu beißen, oder ſte laſſen ihn auch in einen Keller fallen.

Man geht wie ein ordentlicher Flaneur herum, es kommt Jemand an der Seite vorbei, ſtolpert über den Stok, bekommt ihn zwiſchen die Beine und ſo fliegt er in die großen Spiegelfenſter eines Modemagazins. Der Kauf⸗ mann kommt heraus, pakt den Eigenthümer des Stokes beim Kragen und ſchimpft. Die Vorübergehenden ſammeln ſich, die Frauen ſchreien, die Hunde bellen und man muß für den ganzen Schaden aufkommen, ohne ſelbſt mit dem beſten Willen den Stok wiederfinden zu können.

Laßt uns ſelbſt annehmen, daß die ewige Vorſicht einem alle dleſe vor hergeſehenen Unglüksfälle erſpart; es bleibt doch immer gewiß, daß ein Stok täglich 1 Fr. 50 Cent. zu logiren koſtet, wie wenig man auch die öffentlichen Orte beſucht, wovon ſich kein Menſch(mit oder ohne Stok) ganz diſpenſi ren kann. 5

Was folgt daraus? Alle vernünftlge, vorurtheilsfreie Leute können Stöke baben, aber unter der Bedingung, ſie nicht zu gebrauchen.