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Ihr Leben war nur ein Tag voll Sonnenſcheln des Glükes; Hoheit, Macht und Kronen bot ihnen das Geſchik, aber ſie geizten nicht nach irdiſchen Gütern, ſondern zogen es vor, in ländlicher Stille ſich und ihrer Liebe zu leben. Unſchädlich gingen die Stürme der Zeit über ihren Häuptern hin; ſie ſtanden nicht hoch genug, um von ihnen berührt zu werden. So verfloſſen ihnen zahlloſe heitre, ungetrübte Stunden, bis im ſpäten Alter ein Tag die Bande ihres irdiſchen Seins zerriß und ein Grab ſie vereinte. Sechs Kinder, genüg— ſam wie ſie, und unbekannt mit dem hohen Stande ihrer Erzeuger, wanden täglich friſche Roſenkränze über ihren Gräbern und wurden ſo glüklich wie ſie es waren. Joh. Langer,
Merkwürdige weibliche Rache.
Die berühmte ſchöne Herzogin Sarah von Marlborough hatte wunder ſchönes Haar(deſſen glänzende blonde Farbe ſie, nebenbei geſagt, durch den fortwährenden Gebrauch von Honigwaſſer bis in das höͤchſte Alter erhrelt), und ſie wußte, daß keiner ihrer übrigen Reize den Herzog, ihren Gemahl, ſo angezogen und gefeſſelt hatte, als dieſer. Eines Tages nun hatte ſie ihren Willen gegen den Gemahl nicht durchſezen können; ſie nahm ſich vor, den ar— men Herzog wegen dieſer ſeiner Hartnäkigkeit zu ſtrafen, und während ſee darüber nachdachte, wie ſie ibn wohl am empfindlichſten züchtige, fiel es ihr ein, er werde wohl den tiefſten Schmerz fühlen, wenn er ſehe, daß ſie ihre glänzenden Haarflechten abgeſchnitten habe. Gedacht, gethan; ſie ſchnitt au— genbliklich ihr wunderſchönes Haar glatt vom Kopfe ab und legte daſſelbe in ein Vorzimmer, durch welches er gehen mußte, wenn er in ihr Zimmer kam. Zu ihrer grauſamen Täuſchung ging er aber mit völliger Ruhe mehrmals durch jenes Vorzimmer, verrieth weder Kummer noch Unwillen, und ſchien ſeine Strafe gar nicht zu bemerken. Sie ſchloß daraus, er möge das Haar gar nicht geſehen haben, und ging hinaus, um daſſelbe wegzunehmen, aber es war bereits verſchwunden. Als er auch den nächſten Tag nichts erwähnte und ihr Spiegel unterdeß ihre Verſtümmelung rükhaltslos ihr vorhlelt, ſtellte ſich die Reue bei ihr ein. Die Sache gerieth in Vergeſſenheit bis nach dem Tode des Herzogs; da fand ſie ihre ſchönen Loken ſorgfältig in einem Schränkchen neben allem dem aufbewahrt, was ihm am theuerſten geweſen war.
Berliner Gaſſenhauer. Mitgetheilt von 8. t.
1. Ein zerlumpter Gaſſenjunge wurde von elnem Herrn gefragt:„Was treibſt du denn eigentlich Junge?“
„Ich— ik verkofe im Sommer Sand, und im Winter laſſ' ik mir beſ⸗ ſern.“(Geht ins Korrektions-Inſtitut.)
2. Ein Straßenjunge, den gewaltig fror, erregte das Mitleid einer vorübergehenden Dame.„Armer Junge, dich friert wohl ſehr 2“
„Jeſchieht meinem Vater ſchon recht, warum koft er mich keene Handſchuh!« entgegnete der Knabe.


