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Ländern derſammelten. Es wurde waker gekämpft, diele Lanzen wurden ge⸗ brochen, und mancher ſtolze Ritter mußte unſanft den Boden küſſen. Da machte ſich am dritten Tage ein Ritter brmerkbar, der beſonders tapfer ſtritt, und manches ſilberne und goldene Blatt, von dem köſtlich geformten Baume pflüke, der die Turnierpreiſe enthielt. Der König war auf ihn aufmerkſam geworden, da er die Vaſallen ſeines Reiches alle an ihren Wappen und Farben erkannte, der Ritter aber kein beſonderes Abzeichen, ſondern nur einen Schild trug, drauf ein flammendes, vom Pfeil durchſtochenes Herz prangte; ſo ver— muthrte er in ihm einen Fremden, und weil er die Tapferkeit beſonders hoch hielt, ſo ließ er ihn durch den Marſchall zu ſich erbieten und machte ihm glänzende Anträge, inſofern er in ſeinem Reiche und an ſeinem Hofe verblei— ben möchte.
Der unbekannte Kämpfer aber trat mit ehrerbietigem Gruße vor den Koͤ— nig und ſagte:„Großer König! du haſt ein Mittel in deiner Hand mich auf ewig zu feſſeln, und mich zugleich zum glüklichſten der Sterblichen zu machen— gib mir die Hand deiner holden Tochter!“— Verwundert ſtand der König und wußte nicht, was er hierauf erwidern ſollte und die Höflinge erſchraken vor der Kühnheit des Fremden. Dieſer aber ſchlug ſein Viſir auf und rief: „Wiſſe, mächtiger Herrſcher der Franken, daß mein Antrag dich und die Deinen nicht entehret, denn ich bin Amadäus, der Graf Savoyens, deſſen weite und ſegensreiche Ländekeien Italiens milder Himmel beſcheint, und welcher dein nächſter Nachbar iſt!““ Als der König dies vernahm, brach ein Feuerſtrahl der Freude aus ſeinem Auge, er umarmte freudig den willkommnen Eidam, der als ſchlichter Rittersmann, und durch tapfere Thaten ſein Herz ſchon ge— wonnen hatte, legte die Hand der erröthenden Jungfrau in die ſeine und ſegnete den Bund. In jenen guten, alten Zeiten, wo die Menſchen noch ſchlicht und gerade waren, und nicht ſo viele Winkelzüge machten, wenn es ſich um Irdiſches handelte; wo nicht dem Brautpaare das Glük auf der Duka— tenwage zugewogen wurde, und ein Handſchlag mehr galt, als jezt der bün— digſte Kontrakt mit allen Klauſeln und Vorſichtsmaßregeln verſehen und von ſechs Zeugen bekräftigt— damals wurde eine Heirath ſchneller geſchloſſen, als jezt eine Spazirfahrt verabredet wird. Die Hochzeit fand unter vielen Feſt⸗ lichkeiten ſtatt. Als der Zug nach der Kirche ging, drängte ſich ein kleines, altes Männlein, in zerlumpte Gewänder gehüllt, kek an den Grafen heran, und bat ihn, da er ſo glüklich wäre, ſolch' eine ſchöne Königstochter als Braut heimzuführen, ihm doch auch eine kleine Gabe zu verabreichen, damit auch er ſich zu den Glüklichen zählen könne. Dem ſtolzen Bräutigam verdroß die Zu— dringlichkeit des Bettelmännchens, er ſtieß es unſanft zurük, und die könig⸗ liche Leibwache jagte es mit ihren Hellebarden unter dem Gelächter des Volkes von dannen. Die kirchliche Feier ging vorüber, Fakeltanz, Tafel und Van— ket folgten, und ſpät erſt umfing das glükliche Paar das ſtillverſchwiegene Brautgemach.
Als nun der Herr von Savoyen ſich ſo hoch auf den Gipfel ſeines Glü— kes geſtellt ſah, da rühmte er ſich laut, daß wohl die Erde keinen zweiten Bewohner trüge, der ſo ausgezeichnet vom Glüke wäre wie er. Kaum hatte das verwegene Wort die Lippe ausgeſprochen, als daſſelbe keke Männchen plöz— lich vor ihm ſtand. Der Graf fragte erſtaunt und zornefüllt den greiſen Zwerg,


