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wie ein Stokdeutſcher auf elnem Pariſer Maskenballe. Jezt kam ich auf das Rechte! Wenn Wiz das Vermögen iſt, die Aehnlichkeiten unähnliche Dinge aufzufinden, ſo hab' ich in der That Grund, über meinen Wiz zu erſtaunen, welcher ſogar zwiſchen den Gefühlen an einem Sylveſterabende und dem Bilde eine Aehnlichkeit entdekte, womit die Redaktion dieſes Blattes, in dem ich ſeit Jahren am Neujahrstage die Honneurs mache, bel ühren Leſern ein Bild einlegen will.
Wenn ich das bunte Genrebild mit ſeinen altfranzöſiſchen Geſtalten, ſeinen galanten Gruppirungen und ſeiner zierlichen Steifheit betrachte, ſo begreife ich nicht, wie es an das Neujahr erinnern könne. Sobald ich mich aber wegwende, und vor meiner Phantaſie die bunten Hoffnungen, die ſan⸗ guiniſchen Plane und die ſteifen Vorſäze auftauchen, mit denen man ſich beim Jahreswechſel herumzuſchlagen pflegt, ſo finde ich keine größere Aehnlichkeit, als zwiſchen jenem Bildchen und dem Phantasmagorien meiner Einbildungskraft
So wenig Aehnlichkeit zwiſchen einem Ball und einer Sylverſternacht iſt, ſo viel Aehnlichkeit iſt zwiſchen beiden. Man geht auf jeden Ball mit einer ge⸗ wiſſen Vorbereitung, mit einer Art von Beklommenheit; wer könnte dem neuen Jahre unvorbereitet, unbeklommen entgegenſehen. Man weiß, wie man auf den Ball geht oder fährt, aber man weiß nicht, wie es Einem dort gehen oder wie man dort fahren wird; wer weiß das vom neuen Jahre Man verſpricht ſich von einem Balle Vergnügen, man will dort neue Bekannt- ſchaften machen und gemachte erneuern; man will bemerken und bemerkt wer— den; man will einnehmen und gefallen; man will, wenn man ſpielt, gewin⸗ nen, wenn man wagt, reuiſiren; wenn Raum iſt, tanzen; wenn Gelegen— helt iſt, ſchmachten; wenn ſich eine Partie findet, heirathen; häusliche Leiden vergeſſen, Galanterien verſchwenden und Artigkeiten empfangen; man nimmt ſich bisweilen ſogar vor, ſolch' einen Ballabend zu einem Abſchnitte in ſeinem Leben zu ſtempeln, und was ſind am Ende die Wirkungen ſolch eines Balles? Ein dummer Kopf, den man früher auch ſchon manchmal hatte; ſummende Ohren; rothe Augen; ſchlotternde Beine; ein blöder Magen; ein blaſſes Ge— ſicht; Schlaftrunkenheit; Ueberdruß,— mit einem Worte Y roſa, die nüch— ternſte Proſa! Sind das Alles nicht Enttäuſchungen, welche man von einem neuen, ſehnſüchtig erwarteten und freudig begrüßten Jahre oft im glei— chen Maaße erfährt? Welche Aehnlichkeit alſo zwiſchen einem Balle und der
Sylveſternacht!
Und welche Aehnlichkeit erſt zwiſchen der Sylveſternacht und einem Mas— kenballe?!—„Sie ſchauen, mein liebes Fräulein, der Zukunft voll Ver— trauen in's Auge; ſie kehren aller Welt den Rüken und glauben ihrer Sache ſicher zu ſein! Glauben Sie es nicht! Sie dürfen nicht weit gehen, ſo hängt ein Bild gekränkten Vertrauens vor Ihnen, das mit geſenktem Haupte und an's Herz gepreßter Hand zu warnen ſcheint:„Freundin, verſprich dir von der Zukunft nicht zu viel; ſie iſt ein loſer Figaro, der die Leute über den Löffel barbiert!“— Das treue Abbild dieſer Szene aus dem Leben ſehen Sie hier rechts auf unſerem Genre-Vilde.“— Dort links ſizt eine liebenswürdige Dame mit herabwallendem Blonden-Schleier; mit ſeidener Haarſchleiſe; mit ſylphenartigen Füßchen, naiv und unſchuldig, wie Heinrichs Florette; ein Herzchen hängt auf ihrem Buſen herab, wie ein Miniaturbild des Herz⸗


