Kunst, Eleganz und Mode.
Deßuler 1. u q. 5g ** 1. Mittwoch, 4. Januar. 1832.
Der Maskenball).
(Ein Pariſer Genre-Bild als Neujahrsprolog.) Von Joh. Gabr. Seidl.
„Es gibt nichts Neues unter der Sonne!“ ſagt ein altes Sprichwort; man konnte eben ſo gut ſagen:„Es gibt kelne Sonne unter dem Neuen!“
Die Welt wird alt und wird wieder jung, Und der Menſch hofft ewig auf Veſſerung.
Mit jedem anbrechenden Neujahrsmorgen hofft er, daß aus den ringenden und wogenden Nebeln einmal eine Sonne, belebend, erwärmend und er— wekend, hervorbrechen werde. Aber umſonſt! Derſelbe matte Kerzenglanz der Alltäglichkeit, dieſelben bleichſüchtigen Sterne mit ihren fallenden Lichtern und wäſſerigen Meteoren ſteigen wieder am Horizont empor, die er von Ju— gend an zu ſehen gewöhnt war, und ſeine idealiſchen Hoffnungen ſind wieder getäuſcht, und ſo viel Neues ihm das Neue gebracht hat, die Sonne, der er entgegenharrt, wie die Knospe der Sonnenblume, leuchtet unter all' dem Neuen ihm doch nicht! Es gibt keine Sonne unter dem Neuen! Es geht dem Menſchen mit dem neuen Jahre, wie dem Ballgaſt mit einer Maske. Er verfolgt die reizende Aethergeſtalt vom Saale in die Seuf⸗ zer⸗Allee, und von der Seufzer-Allee in die Kredenz, und von der Kredenz auf die Gallerie, und von der Gallerie in die Garderobe. Und wenn er ſie end⸗ lich kirre gemacht hat, und wenn ſie die Larve abzieht, dann grinſt ihn, ſtatt des zarten, ſeelenſpiegelnden, kriſtall-leibigen Weſens, ein plumpes, geiſt— loſes, ſinnliches Alletagsgeſicht an, bei deſſen Anblik ihn ein fröſtelnder Schauer durchläuft, und das er nur Schandenhalber nach Hauſe begleitet. Mir kommt der Menſch in der Sylveſternacht vor, wie ein Fremoling auf einem Maskenballe in einer Stadt, in der er Abends erſt ankam; etwa
) Hiezu das erſte Blatt unſerer Genre-Bilder.


