Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
754
 
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Strom auffordernder Töne ergoß ſich vom Orcheſter nieder, die Angetretenen ſezten ſich in Bewegung; chaine des dames, moulinet, ronde, rief in der Reihenfolge Pritcheraft, der Vortänzer, und während er ſo rief, chaſſirte, pirouettirte und ſchlug er Entrechats, wirbelte alles de bigeons und ſprang pas de basque in einem Styl, wle man ſolches noch nie zuvor in dem Vall ſaal zu O erblikt hatte. Miß Lovegrove war erſtaunt, und ihr Chaperen im karmoſinenen Kleide hatte die neugierige Kekheit, um die wundervollen Thaten ihres neuen Freundes bewundern zu können, ihre werthe Perſon dem ungewiſſen Halte eines Rohrſtuhls anzuvertrauen. Wahrhaftig, der größere Theil der Geſellſchaft war wie vom Donner gerührt über bie unglaublichen Leiſtungen des ſechs Fuß meſſenden Herrn mit der langen Naſe, dem pflaum farbigen Frake und den Nankinmodeſten. 5

Pritcheraft befand ſich eben in der Ausführung jener hoͤchſt intereſſanten und graziöſen Tour, welche caxalier seul heißt, und im Anſaze zu einem eutrechat de cing, als er, mit anſtändiger Beſcheidenheit die Augen zu der Maſſe der Zuſchauer erhebend, zum erſtenmale ſeinen hochwürdigen Reiſegefähr ten, den Herrn Dr. Lovegrove, anſichtig wurde. Sobald er zu vollſtändiger Selbſtzufriedenheit ſein pas seul beendigt hatte, machte er dem Doktor eine vöchſt artige Verbeugung, welche dieſer in einer kaltenſtolzen, zurükſtoßen⸗ den, ja die Bekanntſchaft durchaus verneinenden Manier erwiderte. Unbegreif⸗ lich! mißbilligte etwa der kleine, krummbeinige Pfarrherr Pritcherafts Auf merkſamkeit für Miß Lovegrove? und warum? Gleichzeitig mit dieſer an ſich ſelbſt gerichteten Frage bemerkte Pritcheraft, daß der Ooktor ebenſo eifrig als leiſe auf vier oder fünf ihn umſtehende Herren einredete, daß darunter der Zeremonienmeiſter und Hauptmann Lovington ſich befanden, und die ganze Gruppe ihm ſeyr erzürnte Blike zuwarf. Noch wenige Minuten, und der Kotillon war vorüber. Pritcheraft führte ſeine Moitis auf ihren Plaz; da nahte ſich ihm auf den Schuhſpizen Herr Süß, der Zeremonien meiſter, zog ſeinen ſyſtematiſch- regelmäßigen Bükling und bat in ſeinem gewöhnlichen Flö tenlaute um wenige Worte in einem anſtoßenden Zimmer. Der hochwürdige Doktor, der Hauptmann und mehrere Andere folgten. Herr Süß fragte un ſern Helden, ob Pritcheraft ſein Name ſei, und als dieſer ſolches bejaht, deu⸗ tete er ihm in den artigſten und zarteſten Redewendungen ſein Erſtaunen, wie ſein Bedauern an, daß Herr Pritcheraft es gewagt, ſich in eine ſo angeſehene und erleſene Geſellſchaft einzudrängen, und rieth ihm freundſchaftlichſt, ſich ganz in der Stille aus dem Staube zu machen. Pritcheraft war verblüfft; kaum aber hatte er ſich geſammelt und angefangen, eine kühne Stellung und eine ſtolze Sprache anzunehmen, als der ganze Chor rief:Hinaus mit dem Burſchen! Der Hauptmann ſah gewaltig wild aus, der hochwürdige Dok tor wurde vor Zorn roth wie ein Puderhahn, Herr Süß vor Indignation leichen blaß, und Pritcheraft, der einſah, daß Widerſtand zu nichts führte, entfernte ſich, jedoch nicht ohne die drohende Verſicherung, daß man bald von ihm hören ſolle, und daß der ſchwarze Rok des hochwürdigen Herrn ſein alleiniger Schuz ſei. Er flog zum Hauſe hinaus, die Straße hinab nach dem Hotel, und wie er dort ankam, hatte ein heftiger Regenſchauer und das Austreten der Rinn- ſteine ihn in ſeinen dünnen Tanzſchuhen und ſeidenen Strümpfen, wenn auch nicht vollſtändig abgekühlt, doch zu ruhiger Erwägung und Beſchluß nahme um