Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
740
 
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Aus dem Sol datenleben.

Folgende zwei rührende, pſychologiſch merkwürdige, und zur Charakteri⸗ ſtik des franzöſiſchen Soldaten dienende Anekdoten erzählt Matthiſſon in ſei⸗ nen Erinnerungen: Im Jahr 1806, als Napoleons Heer nach der Schlacht bei Jena in das Preußiſche vordrang, ward im Dorfe Hohendodeleben, unweit Magdeburg, der hochhetagte Prediger von einem franzsſiſchen Huſarentrupp ſeiner geſammten Habſeligkeiten an Kleidern und Geld beraubt. Noch 2 Tha⸗ ler verbarg er in der Uhrtaſche. Aber dies war dem Scharfblik eines Menſchen von dieſer Bande nicht entgangen, und er forderte mit brutaler Heftigkeit auch die⸗ ſen lezten Hilfs- und Nothpfennig. Indem der Greis ihm die beiden Thaler⸗ ſtüke hinreichte, erblikte der Huſar an deſſen Finger den goldenen Trauring, und verlangte auch dieſen.Ich kann ihn ſchon ſeit vielen Jahren vom Finger nicht mehr losbringen, flehte der Geiſtliche, Varmherzigkeit! es iſt das einzige Andenken, welches von dem Theuerſten, das ich auf der Welt beſaß, mir noch übrig blieb. Da trat, wie mit Ehrfurcht, ſchnell der Franzoſe zu⸗ rük, betheuerte, daß er der Unthat nicht fähig ſei, ihm dieſes heilige Pfand der Erinnerung zu entreißen, gab, als Erſaz der geraubten 2 Thaler, ihm deren 4, und vermochte ſogar ſeine Kameraden dahin, dem Halbnakten die be⸗ reits über die Seite geſchafften Kleidungsſtüke wieder zu liefern.

Ein anderer Soldat, der in einer Wohnung des nämlichen Dorſes alles Tragbare ſchon zuſammen zu raffen anhub, gerieth bein Anblik einer bettla⸗ gerigen alten Frau in Mitleid, legte das geraubte Gut ſorgfältig wieder an ſeinen Ort, und ſezte ſich vor das Lager der von allem andern Beiſtande ver⸗ laſſenen Kranken, deren er nun, während ſeines ganzen Aufenthaltes in Ho⸗ bendodeleben, nicht nur mit kindlicher Sorgfalt pflegte, ſondern wo er auch jeder Ungebähr, die das Haus bedrohte, muthig in den Weg trat. Das Bild ſeiner betagten Mutter, die er, beim Abmarſch aus dem Vaterlande, in ähu licher Lage verließ, war ihm vor die Seele getreten, und hatte ſein ſchlum⸗ merndes Menſchengefühl wieder erwekt.

Die chineſiſchen Schauſpieler.

Die Chineſen, die treue Geſchichtſchreiber und oft tiefbenkende Phtloſopben ſind, haben auch entſchiedene Vorliebe für das Theater, den in allen reichen Häuſern pflegt man für einen Saal zu ſorgen, in dem Vorſtellungen gegeben werden können, und jeder Privatmann, der ſeine Freunde zu ſich einladet, miethet auch für dieſen Tag dieſe und jene Schauſpieler, welche den Gäſten auf einige Stunden die Zeit vertreiben ſollen. Es gibt in China zwei Klaſſen Schau⸗ ſpieler, die von der erſten ſpielen bei den reichen Leuten und ſelbſt am Hofe Trauer, Schau- und Luſtſpiele von gutem Tone; die von der zweiten Klaſſe errichten in wenigen Stunden in einem Garten, auf der Straße, in. einet Vorſtadt ihre gebrechlichen Bühnen aus Brettern, Bambusſtöken und Kattun, und ſpielen da groteske Pantomimen, Poſſen und Harlekinaden, deren Erfin⸗ dung eber den Tataren als den Chineſen angehört. Sie bringen die Muſiker in den Hintergrund des Theaters, bemalen ſich das Geſicht auf hundertlei Weiſe, ſingen oder ſprechen ibre Nolle unter tauſend Verdrehungen, und ſam⸗