Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
723
 
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was Sie zu ahnen ſcheinen, was in peinlicher Ungewißheit Sie foltert und verſtört, es iſt wirklich: Eugen liebt meine Schweſter.

Meine ſcharfſichtige Freundin, das weiß ich.

Sie wiſſen es, und ſehen unthätig zu, wie ein Elender, die Pflichten der Freundſchaft mit Füßen tretend, das Glük Ihres Hauſes nach und nach untergräbt? Klementine hielt ſich Anfangs fern von dem Einſtgeliebten. Eugen drängte ſich in ihre Nähe, und Sie ſelbſt ſchienen das gern zu ſehen, zu befördern. Ich begreife Sie nicht. Er liebt Klementine und Klementine

Liebt ibn!

Das wiſſen Sie?

Ja. Ich bin Eugens Vertrauter.

Was?

Ich weiß Alles. Vor vier Wochen verſchwand nach und nach Klemen tinens tugendſame Sprödigkeit; ihr Blik floh nicht mehr den ſeinen. Vor drei Wochen war der Druk ſeiner Hand zum erſten Mal erwiedert. Vor vierzehn Tagen ließ ſie ſich einen Kuß rauben, geſtand ihm vor acht Tagen unter einem Strom von Thränen ihre Liebe und beſchwor ihn in tugendhaftem Jammer, ſie zu fliehen. Sie hat einen ſchweren Kampf gekämpft. O ſie iſt eine wakre, vortreffliche Frau. Ich ſpreche in vollem Ernſt; ſie verdient alles Lob. Was ſehen Sie mich ſo ſeltſam an 2

Und das das Alles hat Ihnen Eugen erzählt?

Ja, meine Theure, er ſelbſt. Das waren himmliſche Stunden, wo er mir von ſeinem Glük ſprach; in ſchöner Erregung war ich zuweilen nahe dran, ihn mit dieſen meinen Händen zu erdroſſeln. Es war herrlich! Mein ganzer innerer Menſch wurde dabei auf eine heilſame Weiſe durchgeſchüttelt und aufgerührt. Ich langweilte mich nicht mehr. Recht glüklich bin ich frei lich noch nicht, aber ich denke, das wird ſchon noch kommen. 5

Ich glaube, Sie ſind wahnſinnig, oder in Begriff, es zu werden.

Nicht doch! Nicht doch. Aber einen neuen Menſchen gedenk' ich anzu ziehen, einen neuen Menſchen. Was gibt's, Charles?

Der eintretende Diener ſagte: Der Herr Varon ſchikt Ihnen dies Billet.

Felix riß das Siegel auf und las. Glühendes Roth färbte plözlich ſein Geſicht Er ſchrie auf, rannte mit haſtigen Schritten nach der Thür, blieb aber auf der Schwelle ſtehen ein großer, innerer Kampf malte ſich auf ſei nen Zügen, heftig arbeitete ſeine Bruſt. Er ſchloß die Thür; bebend, ſchwaakend kehrte er zurük, ſank auf einen Stuhl und bedekte das Geſicht mit den Händen. Thränen rannen durch die Finger.

Mein Gott! Was iſt Ihnen? rief Fanny in großer Angſt,was bedeutet das?

Leſen Sie! Leſen Sie!

Fanny hob den Brief, den er hatte fallen laſſen, vom Boden auf und las:Mein geliebter Freund! Während du dieſe Zeilen lieſeſt, entführe ich deine Frau. Lange waren meine Bitten fruchtlos; vergebens beſchwor ich ſie um ihre Einwilligung. Da geſtand ich ihr, du vergibſt! daß ich mit deiner Erlaubniß, unter deinem Mitwiſſen um ihre Liebe geworben habe; daß du, um uns glüklich zu machen, bereit ſei'ſt, dich von ihr zu trennen, und

daß ſie vielen peinlichen Szenen durch dieſe Flucht entginge. Die ſah mich ſtau