Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
707
 
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707

Bitte, geniren Sie ſich nicht. Wenn es Ihr ernſt iſt, darf ich Ihnen vielleicht höflichſt auf dieſem Gange meinen, Arm anbieten? Ich begleite Sie mit Freuden! Nein, das wäre köſtlich, wenn der Kahn ohne uns am Ufer an⸗ langte. Was meine Frau dann wohl ſagen, ob ſie in ihrer lieben Gemüths ruhe verharren würde 20 5

Fanny ſah ihm groß in das bewegte, aber ernſthafte Geſicht:Sind Sie toll? fragte ſie. Sie lachte laut auf, ſezte ſich nieder und brach in Thränen aus.

Er ergriff das Ruder, wandte den Kahn nach dem Ufer, und begann emſig zu rudern. Sie bemerkt es ſogleich, troknete haſtig die Augen und ſagte: Was ſoll das? So kann ich nicht in den Kreis meiner Freundinen treten. Fahren Sie welter in den See. Ach, ich möchte immer ſo weiter, weiter auf unendlicher Waſſerbahn durch dämmrige Fernen, bis die ruhloſen Wellen der weiten, einſamen Waſſer nur meine Leiche in dem treibenden Nachen umher⸗ ſchaukelten!

Nach Velieben. Aber ich habe nicht die geringſte Luſt, Sie auf einer ſolchen langweiligen Fahrt zu begleiten. Mich treibt es nach dem Ufer zurük, ich ſehne mich 4

Nach Klementinen? fragte ſie haſtig.

Nein, nach einem kleinen Imbiß. Die friſche Waſſerluft hat mei- nen Appetit gereizt.

Felix, ſagte Fanny,Sie lieben meine Schweſter. Weshalb verber gen Sie es, weshalb thun Sie, als ſei Sie Ihnen gleichgiltig? Gehören auch Sie zu den Männern, welche ſich der liebenden Zärtlichkeit ſchämen, die ſie für ihre Frau hegen?

Er ſah ſie an und ſagte:Ich liebe meine Frau, ich leugne es nicht, hab' es nie verbergen wollen.

Nun, was ſoll Ihr wunderliches Treiben? Sie ſind glüklich, denn Klementine liebt Sie. Und doch liegt in Ihrem Weſen, in Ihrem Betragen, auf Ihrem Geſicht klar und deutlich die Klage: Ich bin nicht glüklich! Klementine begreift Sie nicht.

Aus Felix Zägen wich der ſtumpfe Ausdruk von Antheilloſigkeit, und er ſagte heftig:Auch ſie verſtehen mich nicht? Das befremdet mich. Ihr ſcharfer Blik, meinte ich, hatte längſt in das Innere meines Herzen geſchaut. Ja, ich liebe meine Frau, ſie liebt mich. O Himmel! wie liebt ſie mich! Ich möchte vor Langerweile vergehen. Klementine gehört zu jenen ent ſezlichen Frauenzimmern, die jeden vernünftigen Mann wahnſinnig machen können; zu den Frauenzimmern, die gar keinen Charakter, faſt möcht' ich glauben, auch leinen Geiſt, keine Seele haben. Dieſe Weſen ſind häuslich und fromm und hut und tugendhaft und lieben ihren Mann ſehr, wenn gerade nichts Wichti⸗ geres, wie etwa eine große Wäſche, ihre Gedanken erfüllt Auf ſolche Frauen iſt das Gleichniß von der Rebe gemacht, die ſich um den Vaum ſchlingt; ſie lönnen ſich allein nicht aufrecht halten, ſie müſſen ſich an Jemand anſchmiegen; eine gewiſſe matte, ſchläfrige Liebe iſt ihnen Vedürfniß. Ein Mann mit einem ſeſten, ſcharf ausgeſprochenen Charakter wird bei ſolch einem Weſen immer Olük machen, ſei er auch häßlich und widerwärtig, ſei er ſelbſt ſchlecht und verworfen. Dieſe Weiber, die gewöhnlich gar keinen eigenen Willen haben, ſind