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greifen, dachte ich, ſo fürchtet er ſich vielleicht und ich beobachtete ihn mit dem Vertrauen wiedererwachenden Muthes. Seine Augen funkelten noch in der Finſterniß, aber ich glaubte in dem Blinzeln derſelben die Zeichen der Unent— ſchloſſenheit zu bemerken. Troz dem blieb ich auf meiner Hut, entſchloſſen, wenn er eine feindſelige Abſicht zeige, ihm die Hälfte des Wegs entgegen zu kommen. Meine Vermuthungen täuſchten mich nicht; wahrſcheinlich ſchlief der Wolf feſt, als ich in die Höhle binunterftel. Man denke ſich den Schreken, den ihm dieſer unerwartete Beſuch verurſachen mußte, denn ſo viel ich mir die Sache erklären konnte, mußte er ſich in ſenem Augenblike gerade unter der Oeffnung der Höhle oben befunden haben und auf ihn war ich gefallen. Auch erinnerte ich mich undeutlich, mit etwas Beweglichem in dem erſten Augenblike, nachdem der Fall mich gewekt hatte, gekämpft zu haben. Ohne Zweifel hatte ſich der erſchrokene Wolf ſogleich in den fernſten Winkel, der Höhle zurükge— zogen und in ſeiner Furcht ſich dort zuſammengekauert.
Eine Stunde nach der andern verging, und ich beobachtete fortwährend meinen Wirth, indem ich fürchtete, er möge ſeine Furcht überwinden und wie⸗ der der wilde Wolf werden, den ich' anfangs gefürchtet hatte. Aber er blieb rubig, und als die erſten Strahlen des Morgens in die Höhle fielen, kauerte der Wolf noch immer in der Eke und zitterte mehr als ich. Ach, die Wieder— kehr des Tages ſteigerte meine Angſt! Ueberall undurchdringliche Felſen; zu fliehen, war unmöglich. Nur ein einziger Ausgang an einer Seite der Höble war offen, durch welchen der Wolf ein- und ausging. Wenn das Thier ſo— gleich ſich dahin begeben hätte, wäre es unmittelbar gerettet geweſen, aber in ſeiner Furcht hatte es nur daran gedacht, ſich zu verbergen, ſtatt zu flie— hen und wagte mir den Ausgang nicht ſtreitig zu machen. Ich mußte auf ir— gend ein Mittel denken, mich ſelbſt zu retten, denn unmöglich konnte ich hoß fen, daß ein menſchliches Weſen in dieſer unbekannten Einöde mir zu Hilſe kommen werde. Konnte ich die Mauern meines Gefängniſſes durchbrechen, oder ſeinen Grund unterwühlen, da der Felſen mir zur rechten, zur linken und auf allen Seiten ſeine unüberſteigliche Schranke entgegenſtellte 5 Zwanzig Fuß über meinem Kopfe zeigte ſich ein ſchmaler Streifen blauen Himmels. Wie vielmal blikte ich da hinauf, um einen rettenden Engel berbeizurufen; mit welcher Andacht erinnerte ich mich an den ſo wunderbar aus der Löwengrube erretteten Daniel!
Der Wolf ſchien eben ſo verlegen zu ſein, als ich, und ich meines Theils batte keine andere Ausſicht, als Hungers zu ſterben, wenn es der Wolf nicht vorziehe mich zu zerreißen, ſobald ſeine Furcht vom Hunger überwältigt ſein werde. Die Stunden vergingen. Nach den Sonnenſtrahlen, welche in die Höhle ſielen, mußte es Mittag ſein. Ich fühlte eine Art Schwindel, den die Angſt und der Hunger veranlaßten. Feſt ergeben in mein Schikſal ſezte ich mich nie— der und dachte an die ſeltſamen Vermuthungen, die man aufſtellen werde, wenn man einmal mitten in dieſen Felſen meine Knochen fände. Plözlich unterbrach ein dumpfes Aechzen mein Sinnen. Ich glaubte anfangs, der Inſtinkt des hungrigen Wolſs erweke endlich den Muth deſſelben und er ſchike ſich an, über mich herzufallen. Ich empfahl meine Seele Gott, denn ich war zu ſchwach, um ihm den geringſten Widerſtand entgegenzuſezen; aber bald ſchlug das Bel— len eines Hundes an mein Ohr. Wie ſoll ich die Empfindung beſchreiben, wel⸗


