Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
698
 
Einzelbild herunterladen

698

durch welchen ich herabgeſtürzt war. Dieſer rothe und flakernde Schein, den ich bemerkte, mußte alſo nothwendig das Feuer meines Bivouaks ſein. Einige gequetſchte Stellen und der enge Raum, worin ich mich befand, überzeugten mich gar bald, daß ich leider! nicht träume.

Es gibt in den grünen Bergen viel ähnliche Höblen; der Reiſende geht auf einem Teppiche von Moos, das ſich von einem Felſen zum andern erſtrekt und ihn allein über den Abgründen darunter trägt. Gerade über einer ſolchen Stelle hatte ich mein Feuer angezündet und mich darauf zum Schlafe hinge legt, ohne daran zu denken, daß mein Lager ſelbſt eine verrätheriſche Falle ſei. War das Feuer unter das Moos gedrungen und hatte es die dürren Zweige ergriffen, welche dieſes Dach trugen? oder hatte das Moos allein allmälig dem Druke nachgegeben? Ich rieb mie von neuem die Augen, hatte zwar keine Wunden, aber einige bedeutende Kontuſionen. Der Boden der Höhle war mit dürrem Laube, hinuntergefallener Erde und Zweigen bedekt, die meinem Fall minder gefährlich gemacht und meinen Kopf vor den Felſenzaken geſchüzt hat ten, denn ich war wenigſten 15 bis 20 Fuß tief herabgeſtürzt. Ich tappte rechts und links und bemerkte, daß ich, wenn ich die Arme ausbreite, die bei den Wände der Höhle zu gleicher Zeit erreichen könne. Mitten in völligem Dunkel ſchritt ich in dieſem engen Raume hin, aber die Wände waren perpen dikulär und meine Hände faßten nichts, was mir hätte zum Hinaufſteigen dienen können. Als ich das Ende der Höhle gefunden hatte und ich nicht weiter konnte, kehrte ich um, um das andere Ende zu ſuchen. Die Wände waren überall zu ſteil und zu glatt, als daß ſie mir die geringſte Hoffnung gelaſſen hätten, daran hinaufzuklimmen. Was thun? War ich verurtheilt, ewig in dieſer Höhle zu bleiben? Ich will bis zum Anbruche des Tages warten, dachte ich, ehe ich verzweifle. Vielleicht, wer weiß es? verbirgt die tiefe Finſterniß irgend einen günſtigen Ausgang. Aber plözlich wurde ich durch Geräuſch eines ſich be wegenden Körpers im Hintergrunde der Höhle von neuem beunruhigt.

In demſelben Augenblike richteten ſich zwei funkelnde Augen auf mich. Alle meine Glieder bebten, die Haare ſtarrten auf meinem Kopfe, ein eiskalter Schweiß benezte meine Stirn und ich blieb von Schrek verſteinert ſtehen. In dieſem Augenblike hätte ich ein Königreich um die geringſte Hoffnung auf Ret tung gegeben. Ich befand mich in der Höhle eines Wolfes, allein dem ſchrekli chen Bewohner derſelben gegenüber und ohne ein Mittel zur Flucht oder zur Vertheidigung. Wir ſahen und beobachteten uns ſo eine Zeit lang gegenſeitig, zum Glüke aber rührte ſich der Wolf nicht. Ich fand endlich meine Geiſtesge genwart wieder und begriff die Nothwendigkeit, einen kühnen Entſchluß zu faſſen, oder mich von der wilden Beſtie zerreißen zu laſſen.

Ich batte nichts als ein ſpiziges Meſſer, womit ich die Zweige abzuſchnei⸗ den pflegte. Dies nahm ich aus der Taſche, faßte es feſt mit der rechten Hand und ſchikte mich an, auf das Thier zu ſtürzen. Es war eine That der Ver⸗ zweiflung; aber neue Ueberlegung hielt mich zurük. Mein wilder Feind blieb ruhig und ſtill am Ende der Höhle liegen. Schon einige Minuten war ich in ſeiner Gewalt, und er hatte nichts gethan, als ſeine ſchreklichen Augen auf mich gerichtet. Würde er wohl noch lange in derſelben Unthaͤtigkeit bieiben?

Ich errinnerte mich, daß der Wolf, ſo wild und blutgierig er bisweilen auch ſein mag, doch nichts deſto weniger ſeig iſt. Da er zögerte, wich auzu