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Charivari hört nicht auf, ſeine giſti— gen Wize zu ſchleudern; er ſpricht noch immer von dem petit foutriquet, dem Hrn. v. Marmitonlivet, dem Prinzen Noſolin u. ſ. w. Auch die Birne ſpielt noch ihre Rolle, und erſcheint ſogar in kleinen Zeichnungen. Nur die grö⸗ ßern politiſchen Karrikaturen ſind aus dem Blatte verſchwunden, wogegen es ſatyriſche Bilder aus dem Variſer Le⸗ ben ſeinen Leſern bringt, welche dieſe gewiß dankbarer hinnehmen werden, da ſie größtentheils von guten Künſt— lern geiſtreich und mit Laune entwor— fen ſind.— Noch immer beſchäftigt das Publikum die Ermordung der Eheleute Mass, in ihrem Wohnhauſe in der ziemlich unbelebten Straße der petites ecuries; mehr aber noch die ungeheu— ern Reichthümer, die man im Keller vergraben, in Wandſchränken, in Hut— ſchachteln und Brieftaſchen, kurz über⸗ all im ganzen Hauſe vorfindet. Die angeblichen 4 Millionen, die Hr. Mass in Lieferungsgeſchäften bei der Napo⸗ leon'ſchen Armee gewonnen haben ſoll, wachſen jezt um ein Beträchtliches an. Man iſt auf den Ausgang der Unter— ſuchung ſehr geſpannt. K.
Miszellen.
Karlsruhe. Aus dem Ge⸗ fängnißthurm ſind neulich zwei Mili— tärgefangene entkommen, indem ſie die Eiſenſtangen des ſehr hohen Fenſters durchbrachen, und ſich an ihren zuſam— mengedrehten, vorher zu Riemen ge⸗ ſchnittenen Schlafteppen, unter dem Schuze einer ſehr finſtern Nacht, 8 bis 6 Stokwerk hoch herabließen. V.
London. Eine geringe Frau unweit London, die kürzlich ganz un⸗ erwartet ein anſehnliches Vermögen
erbte, verfiel vor Freude über dieſes Glük in ein biziges Fieber, woran ſie nach wenigen Tagen ſtarb.(Es iſt alſo gefährlich in die Lotterie zu ſezen.) M.
München. Zu dem hleſigen Oktoberfeſte ſollen in den lezten Ta⸗ gen bereits an 10,000 Fremde einge⸗ troffen ſein, und man rechnet, daß die ganze Zahl derſelben auf 30,000 ſtei⸗ gen werde. B.
Peſther Lokalnotizen.
Reunions. Wie mit einem Zauber ſchlage haben wir in Peſth auch Reunions, Soireen, Aſſemblees, gleich jenen der Reſi— denz erhalten. unſere Hotels und Gaſthäuſer wetteifern mit einander, um dem Publikum dergleichen hier neue Erheiterungen zu ver— ſchaffen. Hr. Zöhls iſt der Orpheus, der zwar keine Steine in Bewegung ſezt, nach deſſen Melodien aber Meſſer, Gabel und Löffel tanzen, wenn ſie frohen Menſchen in dem ohnehin ſchon angenehmen Geſchäft des Eſſens ſo weſentlichen Beiſtand leiſten. Hr. Zöhls iſt Strauß, Lanner und Morelli in einer Perſon, denn er ſpielt die Kompoſitio— nen aller dieſer Wiener Toriphäen mit glei— cher Virtuoſttät, und obendrein auch noch be— liebte Ouverturen und andere Opernſtüke. Seine eigenen Kompoſitionen werden vielleicht in der Folge mehr anſprechen, bisher klingen dieſe Töne noch etwas ungewohnt; er möge ſich daher vorläufig nur an Strauß und Lan— ner halten. Sein Orcheſter iſt wohl beſezt und gut eingeübt. Schreiber Dieſes wohnte am lezten Freitage einer ſolchen„Reunion“ im Hotel„zum König von ungarn“ bei. Die Geſellſchaft war ſehr zahlreich und gewählt; auch viele Damen waren anweſend. Die un— terhaltung, die bis nach Mitternacht dauerte, ſcharmant. Speiſen und Getränke ließen nichts zu wünſchen übrig, eben ſo hatte man ſich über prompte Bedienung und Billigkeit nicht zu beklagen. Nun, ſo hat uns auch hierin die Kaiſerſtadt nichts bevor; wir kön⸗ nen auch in Peſth ein gutes Abendbrod nach
dem Takte verzehren. 3
N
Herausgeber und Verleger Franz Wieſen.


