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tragen. Nach vielen Debatten über dieſe Kopfbedekung wurde endlich beſchloſ⸗ ſen, daß die zu ſolcher gebrauchenden Haare blos men werden dürften. Dieſe Herren mußten daher im eigentlichen Wortes„Haare laſſen.“ b
von adeligen Köpfen genom⸗ Sinne des
Teitung der Novitäten und Anſichten.
Korreſpondenzk.
Wien(1. Okt.). Nach beinahe ſechs monatlichem Aufenthalt verläßt die Kunſtreitergeſellſchaft des Alex. Guerra in wenigen Tagen unſere Stadt, um ſich in Prag neue Lorbeern zu erringen. Ohne zu übertreiben kann man ſagen, daß Wien durch den Abgang dieſer ausgezeichnet braven Geſellſchaft eine der intereſſanteſten Unterhaltun⸗ gen verliert. Gleich bei der erſten Vor⸗ ſtellung, welche Guerra hier gab, wußten ſich ſeine alle Erwartungen übertreffende Mitglieder den rauſchend⸗ ſten Beifall zu erwerben, welcher ſich in den folgenden Vorſtellungen dergeſtalt ſteigerte, daß er nicht ſelten in raſen⸗ des Lärmen überging. Schreiber dieſer Zeilen, welcher ſo ziemlich alle Kunſt⸗ reitergeſellſchaften des In- und Aus⸗ landes geſehen hat, kann aber auch auf das Beſtimmteſte behaupten, daß die Guerra'ſche mit jeder ungeſcheut in die Schranken treten könne, und gewiß überall den Sieg davon tragen wird. Vom Direktor angefangen— wel⸗ cher durch ſein herrliches Schul- und Manöäöverreiten alle Kenner und Män— ner vom Fache in Staunen ſezte und in ſeinen leztern Vorſtellungen, nach beendigter Hoftrauer das Glük hatte, vor mehreren Hrn. Erzherzogen und kaiſ. Prinzen ſeine Vorſtellungen zei⸗ gen zu können, und auch von dieſen höchſten Herren die deutlichſten Beweiſe von Beifall erhielt— kurz vom Di⸗ rektor angefangen bis zu dem lezten Mitgliede herab, lieſerten alle ſo aus⸗
gezeichnete und vollendete Kunſtgebilde und zwar mit ſolcher Sicherheit, Ge— wißheit, Unerſchrokenheit und Schnel⸗ ligkeit, daß ihnen der rauſchendſte Bei⸗ fall unmöglich entgehen konnte.— Brand und Cinitelli waren die erſten, welche die außerordentlichen Ue⸗ bungen der zwei Gladiatoren auf un⸗ geſattelten Pferden zeigten. Dieſe Ue⸗ bungen ſind zwar ſpäter von andern u eee nachgeahmt worden, leider! waren dieſe Nachahmungen aber
ſo mittelmäßig, daß, wer das Origi—
nal einmal bewunderte, dieſen Kopien durchaus keinen Geſchmak mehr abge⸗ winnen konnte“ Cocchis raſende Bravour, Mad. Guerras bewunde⸗ rungswürdige Lieblichkeit und Grazie, mit welcher ſie auf ungeſatteltem Pfer⸗ de die ſchwierigſten Kunſtſtüke aus führt, ſo wie Louiſe Letards ſchöne Ge⸗ ſtalt und Sicherheit in allen ihren Leiſtungen, Warie Schiers Kühn⸗ heit, Leonida Carraras treffli⸗ che Voltigirübungen, dann Filipuz⸗ zi's und Letards Ausdauer, ſo wie Dallots unglaubliche Gelenkigkeit ſind Vorzüge welche vorgenannte In⸗ dividuen über alle jene erhoben, die bereits in Wien ihre Leiſtungen zur Schau ſtellten. Der größte Beweis des Vorerwähnten dürfte die faktiſche Wahr— heit ſein, daß Guerras Vorſtellun⸗ gen durch ſechs Monate täglich äußerſt zahlreich beſucht waren, und ſehr oft der ungemein große Schauplaz die Men⸗ ge der Zuſtrömenden nicht mehr faſſen konnte. So wie es heißt, wird Gu er⸗ ra mit ſeiner eminenten Geſellſchaft


