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pflegt, ein Loch in ſeine Taſche. Hatte er nichts mehr, ſo wandte er ſich an mich, und ſchuldete noch mehr der diken Frau Puffy, der Schweizerbäkerin un⸗ ten an der Straße.
Dieſe antizipirte Verſchwendung wollte im Ganzen nicht viel ſagen, brachte aber Bob in fortwährende Verlegenheit; das Schlimmſte aber bei ſol⸗ chen immer neu entſtehenden Verlegenheiten iſt, daß die Schüler, welche ſich denſelben ausſezen, das Lügen ſich angewöhnen und da verſchwiegen ſind, wo das einzige Heilmittel wäre, offen die Wahrheit zu ſagen.
So kam es auch mit Vob; hätte ich ihn nicht aufrichtig geliebt, wäre ich nicht ſein wirklicher Freund geweſen, wir hätten uns hundertmal verun— einigt; denn er borgte fortwährend von mir, verſprach ſtets, mich wieder zu bezahlen, vergaß aber dieſe freiwilligen Verſprechungen von einem Male zum andern— vergaß ſie nicht. Ich ſah, daß er mehr dabei litt, als ich, erröthete N demüthigt fühlte, weil er zum Vergeſſen gezwungen war. Im Grunde des Herzens war Bob, mein Schuldner, noch immer mein ehren— werther Freund.
Im ſechszehnten Jahre verließ ich die Anſtalt des Dr. Rearpepper, und Bob vergoß reichliche Thränen, als er von mir Abſchied nahm. Er erwähnte nichts von ſeiner Schuld, als ich aber ſagte:„Du wirſt mir doch ſchreiben?““ erwartete er gewiß, ich werde hinzufügen,„und vergiß nicht das beizulegen, was du mir ſchuldig biſt.“
Während meines Aufenthaltes auf der Univerſität Opford ſahen wir uns nicht wieder. Im Anfange ſchrieben wir uns häufig und ſehr freundſchaftliche Briefe, aber allmälig änderte ſich die Sache, und ein ganzes Jahr lang er— bielt ich keinen einzigen Brief, von Bob. Endlich kam ein reich gebundenes Exemplar eines Buches, das, wie er wußte, meine Lieblingslektüre war, und auf der Blattſeite ſtand:„Von ſeinem lieben und dankbaren Freunde Bob.“
„Ja,“ dachte ich, als ich dieſe Worte las,„du biſt noch immer mein ehrenwerther Freund.“ Vob ſchämte ſich, nach ſo langer Zeit mir die wenigen Schillinge, ſeine Schuld, zu ſchiken, und war nicht eher zufrieden, als bis er eben ſo viele Guineen auf ein Geſchenk für mich verwenden konnte. In dem Pakete befand ſich auch ein Brief, worin er mir meldete, daß er die mi— litairiſche Laufbahn eingeſchlagen habe und im Begriff ſtehe, zu ſeinem Regi— mente ſich zu begeben, das ſich in einer auswärtigen Garniſon befinde. Er be— ſchwor mich, aus ſeinem langen Schweigen nicht zu ſchließen, daß er mich vergeſſen habe— kurz, es war ſo viel warme Freundſchaft in dem Briefe, daß er ſich meine volle Zuneigung wieder gewann.
Als ich Oxford verlaſſen hatte, beſuchte ich Frankreich, und traf nach meiner Rükkehr nach London meinen Freund Vob in einem Gaſthauſe in Bond— Street; er war damals, in jeder Bedeutung des Wortes, ein wahrer Faſhio— nable. Welches Feſt, uns wiederzuſehen, uns als Freunde wiederzufinden! Arm in Arme durchzogen wir die Straßen von Weſt-End und lachten laut zuſammen, wie zur Zeit, als wir im Garten des Dr. Rearpepper ſpazieren gingen.
Wenn ich auch nicht ganz derſelbe war, Bob hatte ſich nicht im minde— ſten geändert, ſeine frühere Geiſtesrichtung, ſeinen Charakter und ſeine Ge— wohnheiten beibehalten, welche ſich mit den Jahren immer mehr feſtgeſezt hat— ten. Er liebte noch immer Torten und, Süßigkeiten. Jeden Tag führte er


