635
Non ebur, neque aureum Mea renidet in domo lacunar(Horat.),
aber nach dieſem goldnen Anbote konnten ihre Häuſer nun von Gold und El⸗ ſenbein ſtrahlen, und ſie gaben die Statue— nicht weg. Das iſt Heroismus!— Ich trat nun näher, um die heroiſch-kunſtſinnig, höher als Gold geachtete Statue genau zu betrachten, und fand nach einer Weile, Mailand hätte ſol⸗ len mit beiden Händen, oder mit ganzen Säken nach dem Golde greifen. Ich kam zu dieſer anti-heroiſchen, goldſüchtigen Meinung durch die folgendermaſſen argumentirende Logik: Ein Ding, das Werth hat, ſchäzt man hoch, zumal, wenn der Werth hoch in's Gold läuft; was man hochſchäzt, das ſucht man im Glanze zu erhalten und in friſcher Lebendigkeit; wo aber Glanz ſein ſoll, dort braucht man Licht, läßt dem häßlichen Staube kein Recht: nun ſteht dieſe Statue an einem finſtern Orte, ſeitwärts vom Hochaltare, wo die engen, gothiſchen Fenſter dem Lichte nur ſparſamen Zutritt geſtatten, auch muß der Unglükliche auf der hautentblößten Schulter nebſt der Haut noch noch einige Portionen Staub tragen; das Agrateſiſche Werk ſteht alſo nicht im Glanz, hat keinen Werth, und wenn Bergamo blöd genvs war, ſo viel Gold her zu⸗ geben; ſo hätte Mailand nicht erblöden ſollen, es anzunehmen. Hat aber die Statue wirklich den Werth, den die Vergameſer daran fanden, ei, ſo iſt es billig, daß der Staub das consilium abeundi, das Licht freien Eintritt ohne alle Ausnahme erhalte, ja man bätte es ſo machen ſollen, wie die verſtändigen Ve⸗ netianer, mit einem Gemälde von Titian in der Kirche Giovanni Paolo; daſſel be iſt mit einem großen Vorhange verhüllt, und nur gegen Erlag einer kleinen Münze, auf einem in der Kirche befindlichen Tiſche, wo man Bilderchen und Katechismen verkauft und vertheilt, eröffnet ſich das Gemälde den Bliken der Kunſt und der Neugier, ſelten der Andacht.
Das ſei genug vom Innern der Kirche geſprochen, ohne in das Detall überzugehen.
Eine lange Reihe von Jahren, durch mehrere Jahrhunderte(ſeit 1586) iſt man mit dem Bau beſchäftigt geweſen, und es geht die Sage, daß immer daran ſollte etwas geändert, verbeſſert, hinzugefügt und erneuet werden, um der armen Volke klaſſe Brod und geziemende Beſchäftigung zu verſchaffen. So löblich es nun einerſeits von dem ſorglichen Mailand war, auf die Hände und Mägen ſeiner Kinder beſondern Vedacht zu nehmen, ſo ſcheint doch ein ſo er— habener Tempel viel zu würdevoll, um eine Zielſcheibe zu ſein, woran ſich menſchliche Kräfte üben und in Thätigkeit erhalten ſollten. Dazu wäre die Anlegung neuer Heerſtraßen, großer Magazine u. ſ. w. weit paſſender gewe— ſen. Der Siz göttlicher Majeſtät ſoll etwas Vollendetes ſein. Schon die Fran zoſen ließen daher, dieſe Wahrheit erkennend, den Bau ſchneller betreiben, als ſie Herren von Mailand wurden; die öſterreichiſche Regierung befahl aber mit Anweiſung großer Summen den Vau zu vollenden, zur Freude und Ve— geiſterung aller Freunde der Kunſt und der Religion.
Somit wäre das Vildlein von dem Dome Mailands geendet; da aber der Raum es geſtattet, ſo will ich als Einfaſſung des Bildes, noch ein Paar kirchliche Bemerkungen hinzuſezen, die wohl nicht ohne alles Intereſſe ſein dürften. Die meiſten Kirchen in Mailand, ja auch in andern Theilen Ita—


