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Herr antwortete ihm:„Ihr
wahr,
habt Unrecht, ich bin euch ſchuldig; allein ihr müßt denken, daß euer Lohn immer
euch zu beklagen. Es iſt
fortläuft.“—„Das iſt es eben,“ berſezte der Diener,„er* ſo ſehr,
daß ich ihn nie einholen kann.
Telfung der Novitäten und Anfichten.
Theater.
Peſth(29. Sept.). Als Tell bewies unſer ausgezeichneter Gaſt, Hr. Kunſt, daß er in dem Fache geſezte— rer Helden durch zwekmäßige Ruhe und wohlberechnete Haltung ſich mit eben ſolcher Meiſterſchaft bewegt als in ju— gendlichen Charakteren, wo er die gan⸗ ze Kraft ſeiner feurigen Phantaſie zu entwikeln Gelegenheit hat und ſie ſo ſchön zu benuzen weiß. Er ſchien ſich Eslair zum Muſter genommen zu haben und that wohl daran. Den berühmten Monolog:„Durch ditſe hohle Gaſſe de.“ trug Hr. Kunſt ſo ſchön und ſo wir— kungsvoll vor, daß ihm der gerechteſte Beifall nicht entgehen konnte, und hier ſo wie in der Erzählung im erſten Akte kam er am meiſten ſeinem berühm-⸗ ten Vorbilde nahe.— Sein neunjäh— riger Sohn gab den Walter Tell ſo vortrefflich, mit ſo vielem Gemüth, mit ſo lebhafter und dennoch richtiger Nüancirung, endlich mit ſolcher ſchö— nen Deklamation, daß wir vielleicht noch nie Kinderrollen ſo vollendet dar- geſtellt ſahen. Faſt kann ſchon der Kleine auf den Namen Künſtler An— ſpruch machen; denn gewiß iſt es nicht Einübung allein, es ſpricht ſchon ein ſchöpferiſcher Geiſt aus dieſem Minia— tur⸗Schauſpieler. Der Beifall war einſtimmig und enthuſiatiſch.— Die fernern Rollen des Hrn. Kunſt waren Edelwood in„Krone und Schaffot“«, Wieburg in„Stille Wäſſer“, Karl und Franz Moor in den„Räubern“
—
(ſeiner zweiten Benefize) und zum Be— ſchluß Landgraf Philipp in„Hinko.“ — Alle dieſe Rollen waren jede in ihrer Art treffliche Leiſtungen des Künſtlers, doch ſteht die Darſtellung der beiden Moor in einem Abende, wegen der gewaltigen Aufgabe und deren ſo glüklichen Löſung oben an. Die Erfindung dieſer außerordentlichen Produktion gehört bekanntlich Herrn Jermann an, den wir auch vor zwei Jahren in Peſth Gelegenheit dar⸗ in zu ſehen hatten. Hr. Kunſt iſt al ſo Nachfolger auf der von jenem einge ſchlagenen Bahn; aber er hat ihn mit Rieſenſchritten übereilt, was ſich bei den ſo vertrefflichen Mitteln, die un⸗ ſerm gegenwärtigen Gaſte zu Gebote ſtehen, leicht erachten läßt. Wir kön⸗ nen dieſe Darſtellung zwar nur als eine dramatiſche Spielerei anſehen, denn wenn die beiden Brüder auch nicht auf
der Bühne zuſammenkommen, ſo iſt dies
noch kein Grund, daß ſie von einem Schauſpieler repräſentirt werden ſol— len. Aber es wird dieſem hier Gele— genheit geboten, ſich in dem auſſallend— ſten Kontraſte an einem Abend und in einer und derſelben Handlung zu zei⸗ gen. Er muß ſich wechſelweiſe bald in dieſen bald in jenen Charakter hinein denken, hineinfühlen, hineinſtimmen. Hr. Kunſt iſt jezt vielleicht, ſo wie der beſte Hamlet, auch der beſte Carl Moor Deutſchlands, und der Mime, der einen Hamlet und einen Carl Moor mit gleicher Vollkommenheit gibt, ſchon einen ſchönen Beweis ſeiner Viel⸗ ſeitigkeit ab; um wie viel mehr aber
legt


