Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
579
 
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und wieviel auch der Umſtand zu ſeiner Bildung beigetragen haben mag, daß ſie ſchon als Kind ihre Mutter verloren und ihre ganze Erziehung durch die einige Sorge ihres rauhen und ſteengen Vaters erhalten hatte, das wage ich nicht zu beſtimmen; noch weniger weiß ich Auskunft zu geben, warum Maſter Edward Edwards ſich gerade für dieſes Mädchen entſchied. Maſter Edwards ſelbſt ſtand in der Zeit, von welcher ich ſpreche, in der erſten Blüte und Kraft ſeiner Jahre, das heißt, nach ſeiner Meinung; Andre wollten darauf ſchwören, er müſſe baare fünfundfünfzig Jahre zählen. Er war ſehr beleibt und hatte graues Haar; das Erſtere meinte er freilich, und nicht mit Unrecht, ſei ein Beweis ſeiner Stärke und Mannlichkeit; er gehöre nicht zu den Männern, welche noch blutjung(d. h. jünger, als er) ſich nur dadurch ein ſchlechtes gebüktes Anſehen zugezogen hätten, weil ihr früherer Gang durchs Leben nicht ſonderlich aufrecht geweſen ſei. Seine grauen Haare anlangend rühmte er, daß ſie wirklich vordem die ſchönſte Schwärze gehabt hätten, indeß durch Sorge und ehrenwerthen Fleiß gebleicht worden wären und ſelbſt ſeine ärgſten Feinde konnten nicht ſagen, daß er eine Glaze habe. Uebrigens war Maſter Edwards ein Mann von ganz annehmbarem Betragen und, wie es die Umſtände brachten, von guter und gefälliger Gemütheart, ein Mann, der ſeine Flaſche auszuſtechen und ſeinen Spaß zu machen liebte, ſo gut als ein Anderer ſeines Gleichen von jezt und damals..

Die Hochzeit war vorbei, das Vündniß geſchloſſen und die Eheleute leb ten, ungeachtet zwiſchen ihren Herzen faſt ein Menſchenalter lag, dreizehn Monden lang in aller ſcheinbaren Eintracht. Ich ſage: ſchein baren, dem Sprachgebrauch gemäß, der in ſolchen Dingen nur aus den Augen der Zu ſchauer urtheilt; auch ſei es fern von mir, mich in die Unbehaglichkelten und Wirrniſſe wenn es wirklich einige gab eines Familienkreiſes einzudrän⸗ gen, der in ſeinem geringen Umfange nur zwei Menſchen einſchloß, wenn man nicht als ein Drittes, als eine Beilage, noch Maſter Edward's Buchhalter anrechnen will, einen jungen Menſchen, eine Walſe mit Namen Simon, wel⸗ cher von Kindheit an im Hauſe gelebt hatte. Das war der Hausſtand; denn eingebildete Größen und Nenoncen zählen nicht.

Der junge Simon ſchien dazu gemacht, Jeden für ſich einzunehmen, gleichwohl fand er vor den Augen ſeiner Prinzipalin keine Gnade, oder wollte ſie vielmehr nicht finden. Denn ſie behandelte ihn in der erſten Zeit mit ſehr viel Zuvorkommenheit und Güte, während er ſeinerſeits eine von der Achtung gebotene Zurükhaltung beobachtete, welche an einem Untergebenen immer ge⸗ fällt, für den Vorgeſezten jedoch, der aus irgend einem Grunde ein vertrau⸗ teres Verhältniß wünſchenswerth findet, ungemein verdrießlich iſt. Binnen Kurzem änderte ſich indeß der Stand der Dinge: Miſtreß Edwards legte ein großes Mißfallen an dem armen Simon an den Tag und machte ihm ſeinen Aufenthalt im Hauſe möglichſt unangenehm. Maſter Edwards miſchte ſich ſel⸗ ten in ſolche Angelegenheiten, und man muß ſeiner Frau die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie ihrem Eheherrn nach Kräften die böſe Umgeſtaltung verbarg, welche ſie in der Lage des Jünglings bewirkt hatte. Traf es aber einmal, daß er ein Paar Worte in dieſer Beziehung verlauten ließ, ſo war ſie gleich mit der Klage bei dee Hand, er ſei gar zu oft vom Hauſe abweſend. Das war freilich die reine Wahrheit, wäre ße ſelbſt nur nicht die Urſache ſei